2. September, 1. Tag der Klassenfahrt*)

9:00 Uhr

Wir hatten verabredet, uns mit unseren Fahrrädern in der Bahn­hofshalle zu treffen. Alle sind da. Lang und Dürrkopf jedoch sind nur gekommen, um zu sagen, daß sie nicht mitfahren können. Sie hatten Halsschmerzen.

9:39 Uhr

Wir sind pünktlich abgefahren. Die für eine Klassenfahrt so un­vermeidliche Gruppeneinteilung wird im Zug vorgenommen.

Die Stimmung während der gesamten Bahnfahrt ist gemildert, da jeder pro Stunde nur eine Zigarette rauchen darf.

10:18 Uhr

In Hildesheim steigt eine Mädchenklasse ein. Die anfängliche Freude wandelt sich in Enttäuschung um, da es sich um sehr junge Mädchen handelt (ungefähr 7. Klasse). Die nächste Station ist Nordstemmen. Beinahe wären wir falsch ausgestiegen. Umsteigebahnhof ist für uns Gemünden. Als die Fahrräder aus dem Packwagen geholt werden, müssen einige Kameraden ärgerlich feststellen, daß Rücklichter, Kabel und sogar eine Gangschaltung beim Verladen der Fahrräder abgerissen sind.

Wir haben über eine Stunde Aufenthalt. Es ist mittlerweile auch Mittagszeit. Also hinein in die Bahnhofspinsche. Das Essen ist verhältnismäßig gut und voller Freude wird festgestellt, daß der "Halbe Liter" nur 70 Pf. kostet. Bei Hahn und Bartels ist die Freude über das billige Bier getrübt, da der Ober sie um jeweils 40 Pf. betrog, wie sie später feststellten.

Auf der Fahrt nach Wertheim ereignete sich ein peinlicher Zwi­schenfall: Krumm wird vom Schaffner dabei ertappt, wie er im Schienenbus die Füße auf die gegenüberliegende Bank legte.

Wertheim ist für uns Endstation. Wir bekommen ein ergiebiges Essen (Linsensuppe mit Wurst, Nachtisch).

18.35 Uhr

Reese und Zemke halten einen Vortrag über die Stadt Wertheim, bevor wir uns alle auf Wanderung durch die Stadt Wertheim begeben.

Wertheim (Main/Tauber)

Wertheim ist ein 12.000 Einwohner großer Luftkurort, der 141 m hoch an der Einmündung der Tauber in den Main liegt.

Wir verließen gegen Abend die Jugendherberge und begaben uns zur Tauberbrücke hinab. Von hier aus sind es nur wenige 100 m bis zur Mündung der Tauber in den Main. Wir gingen auf die von beiden Flußläufen, gebildete Halbinsel und konnten von hier aus flußaufwärts gewandt das auf beiden Hängen liegende Wertheim betrachten. Auf der rechten Seite des Taubertals lag die etwas neue Wohnstadt, während sich auf der linken Seite die Altstadt erstreckte, überragt von den Ruinen der alten Burg.

Da es schon dämmerte, entschlossen wir uns, wenigstens die Burgruine zu besichtigen und den malerischen Blick des Main- und Taubertales zu genießen. So begaben wir uns schnellen Schrittes an den Fassaden alter Bürgerhäuser vorbei zum Marktplatz, den wir gar nicht bemerkten, weil er durch die Straßenplanung zu einer Durchfahrtsstraße mit Parkplätzen degradiert worden war. An seinem Ende steht der Engelsbrunnen. Von hier aus gin­gen wir weiter zur Stiftskirche, die eine alte evangelische Stadtkirche ist. Sie ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit einem fünfseitigen gotischen Chor; das ganze Bauwerk stammt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Eine Innenbesichtigung war uns leider nicht mehr möglich, da die Kirche zu dieser vorgerückten Stunde geschlossen war.

Dann gingen wir weiter durch die Rathausgasse zum Rathaus. Dieses stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist mit einer stattlichen Freitreppe und einem Turm versehen, der als Kuriosum zwei um die gleiche Spindel gelegte Wendeltreppen mit verschiedenen Eingängen hat.

Über zahlreiche Treppen und über einen mehr oder weniger steilen Weg erklommen wir dann die Auffahrt zur Burg. Diese, eine der eindrucksvollsten Ruinen Süddeutschlands, war früher der Herrschaftssitz der Grafen von Wertheim. Die Anfänge dieser Anlage reichen bis in die Stauferzeit zurück. An eine Besteigung des Bergfrieds war bei der hereinbrechenden Dunkelheit nicht mehr zu denken. Der Burgwirt war aber so freundlich und ließ - in der Hoffnung auf eine gute Zeche - die Burg im Lichte vieler Scheinwerfer erstrahlen. Auf einem der Wehrgänge betrachteten wir dann aus ziemlicher Höhe das Panorama Wertheims. Immer mehr Lichter erglommen, während über Tauber und Main lichte Abendnebel wallten.

Beim Abstieg stellten einige Physiker von uns noch die Tiefe des Burgbrunnens fest, indem sie ein Sternchen hinunterfallen ließen. 35 m war das Ergebnis ihrer Messung!! Wieder in der Stadt angelangt, erhielten wir Ausgang, und bald darauf verteilte man sich in den einzelnen Gaststuben, um ein Glas oder gar einen Schoppen des guten Frankenweines zu probieren,

Wertheim ist auch ein Ort mit etwas Geschichte! So ist es be­reits nach 1200 ein städtisches Gemeinwesen geworden, und im Jahre 1306 wurden ihm von König Albrecht die Rechtsgewohnheiten nach dem Vorbild der freien Reichsstadt Frankfurt gewährt.

Noch zu Lebzeiten Luthers schloß sich die Grafschaft Wertheim unter Georg II. der Reformation an. Diesem Regenten verdankt Wertheim auch die Gründung eines Gymnasiums, das das älteste in Baden ist. Schön erhaltene Bauwerke geben uns über das Wach­sen und Werden noch heute Auskunft. Leider konnten wir die zahlreichen alten Holztore in den abgelegenen Gassen nicht mehr betrachten. Ebenso sahen wir wegen der Dunkelheit nicht die alten Hochwassermarken, die von der Bedrohung der Stadt durch Tauber und Main zeugen.

Doch die Stadt lebt nicht nur von der Vergangenheit. Im Maintal, nicht weit von der Altstadt, entstand nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Siedlung, mit dem Zentrum einer leistungsfähigen Industrie, die zahlreichen Vertriebenen Arbeit gibt (Glasverhüttung).

Am anderen Ufer des Mains liegt Kreuzwertheim. 1009 erhielt es das Marktrecht, wurde aber schon im 8. Jahrhundert erwähnt. Das Wegkreuz auf dem Kirchplatz verlieh dem Ort seinen Namen, Die Reste der Befestigung zeugen noch von der vergangenen Wehrhaftigkeit Kreuzwertheims.

Früher war hier, wie überall im Taubertal, der Weinbau stark verbreitet. Seit etwa 100 Jahren hat er dem Obstanbau Platz ge­macht, doch wächst hier und da noch ein guter Tropfen.

 *)  Alle Angaben im Text beziehen sich natürlich auf dem Wissensstand von 1963!