3. September 1963, 2. Tag der Reise

Ort: Wertheim, Jugendherberge

Zeit: 7:00 Uhr morgens

Schlaftrunken steigen Lehrer und Schüler aus den Schlafsäcken. Das Waschzeug wird aus einem Gepäckstück hervorgesucht. Gähnend wälzt sich eine träge Masse (hat nichts mit Physik zu tun) zu den Waschräumen, in denen der Versuch unternommen wird, die Müdigkeit zu beseitigen. Es scheint zu gelingen, denn kurze Zeit später sind die Fahrradtaschen und die anderen Gepäckstücke gepackt. Die Frühstückstische sind von der 1. Gruppe gedeckt. Man ißt. Ruhe! Nachdem die Tische von Geschirr, Krümeln, Resten etc. befreit sind, werden von einem Teil der Klasse Lunten und Pfeifen (nicht mein geistiges Produkt) in Gang gesetzt.

Lagebesprechung der Gruppenführer mit Herrn Koop. Um 8.15 Uhr schwingt sich die 1. Gruppe auf die Renner und jagt von der hochgelegenen D.J.H. hinunter in die Stadt, durch sie hindurch und in Richtung Bronnbach davon. Die anderen beiden Gruppen fol­gen in einigem Abstand. Es ist herrliches Wetter, strahlender Sonnenschein und die Fluten der okerähnlichen Tauber laden zum Bade. Links an den Berghängen wächst der Wein, dem wir am Abend zuvor zugesprochen haben. Künstliches Fallobst wird gelegent­lich verzehrt. Keine nennenswerten Ereignisse.

Gegen 9.00 Uhr ist die Klasse nach 10 km Fahrt vor dem Zister­zienserkloster in Bronnbach versammelt. Die Führung kann beginnen, Die leicht monoton klingende Stimme des Führers ertönt:

Von 1151 - 1805 wurde es von Mönchen bewohnt und ging dann in den Besitz des Fürsten von Löwenstein über. Bemerkenswert sind zwei Altäre von Kern. Das herrliche Chorgestühl, von einem einheimischen Mönch als Lebenswerk in Eiche geschnitten, das halbtonnenförmige Seitenschiff in südfranzösischem Stil, ein­zigartig nördlich der Alpen, und der Kreuzgang, an dem man gut die einzelnen Stilepochen erkennen kann, bilden die Höhepunkte des Rundgangs, obgleich der Kapitelsaal und die Orangerie mit dem größten Gemälde unter freiem Himmel (einzigartig rechts des Rheins) kaum minder sehenswert sind.

Um 10.00 Uhr schwingen wir uns wieder auf die Drahtesel. Auf geht es in Richtung Tauberbischhofsheim. Schon nach einigen Kilometern sehen wir hoch über der Tauber die Gamburg. Herr Koop wendet sich an die versammelte Mannschaft und äußert die geflügelten Wort: "In 15 Minuten möchte ich euch von oben Wiedersehen." Sprach’s, legte sich ins Gras und sonnte sich.

Es kostet uns einigen Schweiß, bis wir die aus Buntsandsteinen errichtete Burg erreichen Einige klettern auf den gut erhaltenen, breiten Mauern herum, andere treiben neckische Spielchen auf einem Spielplatz, der dicht unter der Burg liegt, aber nicht so alt wie sie zu sein scheint.

Dann geht es weiter: Richtung Werbach.

Gegen 11.45 Uhr treffen wir dort ein, besorgen uns etwas zu trinken und essen unsere mitgenommenen Brote am Fuße eines Kriegerdenkmals, das an eine Schlacht von 1866 zwischen Württemberg und Preußen erinnert. Gestärkt treten wir gegen 12.30 die Weiterfahrt an. Ziel ist Tauberbischhofsheim. Wir erreichen gegen 13.00 Uhr einen größeren Parkplatz am Rande der Stadt, durch die wir gemeinsam einen Rundgang machen, der ohne besondere Vorkommnisse verläuft.

Einige geschichtliche Daten und Entwicklung der Stadt:

Um 700 fränkisches Dorf mit Königshof. Bonifatius erhält die Stadt als Schenkung von Karl Martell. Um 742 Eingliederung ins Bistum Mainz, 1160 - 1237 an Hohenstaufen gehörend, dann Rück­gabe an Erzbischhof Siegfried, 1275 erhält Tbb. das Stadtrecht, Bauernaufstände um 1500, im 30jährigen Krieg 3jährige Besetzung durch Gustav-Adolf den Schweden, 1850 Abtragung der Stadtmauern, 1802 an Fürsten von Leiningen, dann an Baden. Seit 1952 gehört die Stadt zu Baden-Württemberg. Die schönste Sehenswürdigkeit ist das kurmainzische Schloß.

Karten und Briefe werden geschrieben, Photos werden gemacht.

Dann um 15.00 Uhr geht es wieder los nach Bad Mergentheim, dem Tagesziel. Ein Teil der 1. Gruppe veranstaltet ein kleines Wettrennen bis zur D.J.H. Brunke muß durch Reifenschaden aussetzen. Die anderen beiden Gruppen treffen fast eine Stunde später ein. Es ist fast 17.00 Uhr. Das Gepäck wird in die Schlafräume gebracht. Die Betten werden gemacht. Gruppe 2 deckt um 18.00 Uhr die Tische0 Man ißt. Um 18.30 beginnt ein kleiner zwangloser Rundgang durch die Stadt und den Kurpark, dessen Dunkelheit dazu dient, der Aufsicht zu entrinnen.

Gruppe III findet Kneipe, die anderen folgen. Was trinken wir? Wein! Was für Wein? Speisekarte! Wieviel? Mal sehen. Gruppe III flüchtet nach einem halben Liter einheimischen Weins. Dahinten ist ja noch eine Gastwirtschaft. Bier, endlich! Wir sitzen bei einem blonden Hellen, die Tür geht auf. Wer erscheint?? - Herr Koop. Er setzt sich zu uns.

Um 21.15 Uhr melden die drei Gruppenführer, daß die Gruppen vollzählig eingetroffen sind. Vor der D.J.H. werden die letzten Zigaretten geraucht. Ein Teil der Klasse ist eifrig bemüht, eine Mädchenklasse (alle keine besonderen Schönheiten) zu unterhalten.

Die Lunten und Pfeifen aus, waschen, Bettruhe.