5. September 1963, 4. Tag der Studienfahrt

Bad Mergentheim

Wie jeder Morgen, so begann auch dieser Tag mit dem eintönigen, in Fleisch und Blut übergegangenen Dienstplan. Nachdem wir mehr oder weniger freiwillig die Betten verlassen hatten, machten wir uns, teilweise noch im Halbschlaf, zum Frühstück fertig. Eine halbe Stunde später saßen wir alle vereint im Tagesraum, um unsere knurrenden Mägen mit einem ausgiebigen Mahl zu befriedigen.

Nachdem die diensthabende Gruppe (3) ihre Aufgaben mit größtmöglicher Sorgfalt erledigt hatte und wir alle unser Gepäck auf die Fahrräder geschnallt hatten, verabschiedeten wir uns von den Herbergseltern und den Mädchen einer Berliner Schulklasse, mit denen sich einige von uns schnell angefreundet hatten. Nach diesem herzzerreißenden Abschied, der, wie wir später feststellen sollten, nicht lange andauerte, ertönte das Abfahrtsignal, das uns den Weg nach Rothenburg freigab. Langsam setzten sich die einzelnen Gruppen in Bewegung und radelten, indem sie noch einen letzten Blick auf das kleine Städtchen Mergentheim warfen, der Landstraße zu, auf der wir nach Rothenburg gelangen wollten.

Obwohl uns das Wetter nicht sehr wohlgesonnen war, verging uns trotzdem nicht der Appetit auf Fallobst, das wir entlang der Straße „finden" konnten. Nach dieser feuchten, aber trotzdem fröhlichen Fahrt gelangten wir nach Weikersheim, wo wir um 9.30 Uhr das Schloß mit allen seinen Zimmern, Sälen, Einrichtungsgegenständen und hygienischen Anlagen besichtigten. Nachdem wir noch ein wenig im Schloßgarten spazierengegangen sind, schwangen wir uns nach einer kleinen Essenspause auf die Fahrräder, um bis 13.00 Uhr in Creglingen zu sein, das wir nach einer qualvollen Bergauffahrt erreichten (zum vereinbarten Zeitpunkt).

Wir wärmten uns in der Jugendherberge ein wenig auf und fuhren dann eine halbe Stunde später zur Herrgottskirche hinauf, in der wir den prachtvollen Marienaltar von Riemenschneider besichtigten. Obwohl eine halbe Stunde Besichtigungsdauer nicht ausreichte, um alle Einzelheiten des Altars zu studieren, brachen wir doch schon um 14.10 Uhr in Creglingen auf und setzten unseren Weg nach Rothenburg fort.

Der zweite Teil des Tages verlief wesentlich ruhiger als der erste. Das Wetter hatte sich wesentlich gebessert und bis Rothenburg besichtigten wir nichts weiter als die herrliche Landschaft, die sich zu beiden Seiten der Straße erstreckte. Kurz vor 16.00 Uhr fiel die Gruppe, die die Nachhut bildete, wegen Reifenschadens einige Kilometer zurück und erreichte schließlich nach einer beschwerlichen Bergauffahrt eine Stunde nach den anderen beiden Gruppen das mittelalterliche Städtchen Rothenburg.

Wir aßen, nachdem wir uns in unseren Zimmern eingerichtet hatten, zu Abend. Wir hatten alle einen gesegneten Appetit, was dem Herbergsvater nicht zu passen schien, denn er nannte uns, nachdem wir uns noch nachbestellen wollten, eine "verfressene Gesellschaft."

Anschließend bereiteten wir uns auf einen ersten inoffiziellen Stadtrundgang vor. Während wir über das holprige Kopfsteinpflaster gingen, betrachteten wir das altertümliche Stadtbild mit den mittelalterlichen Stadtmauern, den Toren, den Türmen, den Wehrgängen und den Giebelhäusern der Gotik und Renaissance. Tief beeindruckt machten wir uns auf den Rückweg zur Jugendherberge.

Weikersheim

Kommt man nach Weikersheim, so sollte man es nicht versäumen, sich das ehemalige fürstlich-hohenlohische Schloß Weikersheim anzusehen.

Die aus der Zeit der Deutschordensritter stammende Wasserburg wurde in der Renaissance zu einem prächtigen dreieckigen Schloß ausgebaut. Der Saal des Schlosses, der mit plastischen Wandreliefs und einem prächtigen Kamin ausgestattet ist, sowie einer Felderdecke - eine einzigartige Hängekonstruktion -, die mit derben Jagdszenen ausgemalt ist, machen ihn zum prächtigsten seiner Epoche. Bemerkenswert sind auch die Stuckaturen, die ersten dieser Art, die damals in Deutschland bestanden.

Sehenswert an der Schloßanlage ist außer dem Bergfried, dem äl­testen Teil des Schlosses, der später mit einem Zwiebelturm versehen wurde, der barocke Park mit seinen Statuen, der Orange­rie und den Wasserspielen. Der Zweig der Hohenlohe, der das Schloß bewohnte, ist ausgestorben. Das Schloß befindet sich jedoch noch in Privatbesitz.

Creglingen

In der Herrgottskirche in Greglingen wird das schönste Werk Tilman Riemenschneiders aufbewahrt: der Marienaltar. Er ist um 1510 entstanden und stellt Szenen aus dem Leben Marias dar. Der Altar, der 11 m hoch ist, besticht vor allem durch die Feinheit und Schönheit des Filigranwerkes und der Figuren. Er Ist nicht von der Beize nachgedunkelt, sondern in seiner ur­sprünglichen Farbe erhalten. Die Figuren sind aus hellem Linden-, der Altar aus Föhrenholz.

 

Der Riemenschneideraltar geriet 1530, als die Kirche evange­lisch wurde, in Vergessenheit und wurde erst 1832 wieder geöffnet. Dadurch blieb er vollständig erhalten.

Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber war gleich seinen Nachbarstädten Nürnberg, Dinkelsbühl, Nördlingen und Windheim jahrhundertelang eine freie Reichsstadt.

Von einem mächtigen fränkisch-karolingischen Grafengeschlecht (800) ging diese Veste in der Mitte des 11. Jahrhunderts an die Hohenstaufen über. In ihrer unmittelbaren Nähe entstand die erste mauernumringte bürgerliche Siedlung, die sich rasch zur Stadt entwickelte (1172). Kaiser Rudolf I. von Habsburg verlieh ihr 1274 die Reichsfreiheit.

Das 14. und 15. Jahrhundert sind die Zeit der Blüte, des Reichtums und der Städtemacht. Die Gestalt des Bürgermeisters Heinrich Toppier (+1408) ging als überragende Persönlichkeit aus dieser Epoche hervor. Die Zeit der Gotik hat uns Rothen­burg als "Kleinod des Mittelalters" geschenkt. Der prächtige Renaissancestil der Bauperiode gegen Ende des 16. Jahrhunderts ist ein weiteres Zeichen für den Wohlstand der Stadt in dieser Zeit.

1631 wurde Rothenburg ob der Tauber vom kaiserlichen Feldherrn Tilly im Sturm genommen; an dieses Ereignis erinnert die Geschichte "des Meistertrunks“. Im September 1802 ging die Vorzugsstellung Rothenburgs durch den Staat Bayern verloren und wurde zu einer unbedeutenden Grenz- und Landstadt erniedrigte Erst das bayrische Gemeindeedikt von 1819 machte es wieder zu einer unmittelbaren Stadt und gab ihm damit auch wieder das Recht der gemeindlichen Selbstverwaltung*

Seit der Einführung der neuen Gemeindeordnung vom 1 . April 1935 war Rothenburg nur noch eine "kreisangehörige Stadt Bayerns", die etwas über 9000 Einwohner zählte. Dieses „Unrecht" wurde jedoch durch die Verleihung der Kreisunmittelbarkeit am 1. April 1948 wieder gutgemacht. Die Einwohnerzahl beträgt rund 12.000«

Die Stadt liegt auf einer Hochfläche (425 m), die aus Lettenkohlenkeuper besteht, nahe am Rand über dem steil abfallenden (60 m tief) Muschelkalktal der Tauber. Daher der Beisatz im Namen "ob der Tauber".