6. September 1963, 5. Tag der Studienfahrt

Rothenburg

Um 7.00 Uhr wie immer zu frühes Wecken; anschließend allgemei­nes Essen und Saubermachen. Dann endlich kann der Beginn des langersehnten Stadtrundganges vor sich gehen, Unter sachkundiger Führung von Herrn Koop gelangen wir in den Burggarten, hören uns einen Bericht von Eichholz über die Stadt an und besichtigen die Folterkammer, in der allerhand reizende Dinge zu sehen sind. Unter einigem Aufatmen gehen wir an einem Museum vorbei und dürfen dann endlich wieder einmal eine Kirche von innen an- sehen, und zwar die Jacobskirohe in der, was uns nicht überrascht, ein Riemenschneider-Altar steht* Doch auch diese Besichtigung geht vorüber, Der Fortgang wird allerdings dadurch verzögert, daß sich einige unbedingt einen "Jaguar E" ansehen müssen.

Dann werden wir auf den Rathausturm (193 Stufen) gescheucht und genießen die Höhenluft und den Ausblick auf die Stadt. Wieder unten, geht das Programm weiter: Um 11.oo Uhr wohnen wir dem Meistertrunk bei. Gleich danach besichtigen wir unter großem Gedränge - es hat sich uns noch eine Mädchenklasse angeschlossen und seltsamerweise die gleiche wie in Bad Mergentheim - den Kaisersaal des Rathauses, steigen 2 Treppen hinab und gelangen durch einen kleinen, dunklen Gang mit Pfütze in die Verliese. Endlich wieder draußen, werden wir auf der Stadtmauer entlang zur Herberge zurückgeschickt.

 

Nach dem Mittagessen verlassen wir bei heiterem Wetter Rothenburgs altes, aber holperiges Kopfsteinpflaster und fahren über Berg und Tal, d. h. berghoch wird von einigen fleißig geschoben, über Reichelshofen nach Bhf. Steinbach (11 km). Wir müssen jedoch noch geschlagene 2 Stunden bis zur Abfahrt des Zuges warten. Diese Zeit wird mit Doppelkopf-Spielen und anderem über die Runden

In Würzburg kommen wir nach 90 Min, Bahnfahrt an und fahren als "Omnibus" durch den starken Verkehr zur Jugendherberge. Offensichtlich mißfällt es einigen, und nicht nur uns, daß in dem selben Haus ein Polizeirevier untergebracht ist. Nach dem köstlichen Abendessen können wir machen, was wir wollen. Es wird uns zwar empfohlen, die Sehenswürdigkeiten schon jetzt anzusehen, doch behalten wir uns das lieber für den nächsten Tag vor.

Würzburg

Der Opfertod des heiligen Kilian und das Martyrium seiner Gefährten Kolonat und Totnan (1689) gaben den Anlaß zu. einer aus­greifenden Christianisierung des ostfränkischen Raumes.

Bereits 1706 errichtete Herzog Hedan II. auf dem Marienberg die erste fränkische Kirche, die noch bis heute als ältester sakra­ler Rundbau Deutschlands erhalten blieb. 741 wird die Stadt Würzburg zum Bistum und entwickelt sich unter der geistlichen Obhut sehr schnell. Bedingt durch die günstige Lage, entsteht bald ein bedeutender Handelsplatz, ein wichtiger Knotenpunkt des Verkehrs.

Die alte Mainbrücke, in ihrer heutigen Form erst im späten Mit­telalter erbaut, verbindet schon im 8. Jahrhundert beide Ufer des Mains. 1030 werden dem Bischof Markt-, Zoll- und Münzrecht zugesprochen, 1168 die Würde des Herzogs von Franken; dadurch gerieten weltliche- und geistliche Macht in eine Hand. 1188 ist im Herzen der Stadt die Domkirche erbaut, deren erste Ansätze noch ins 9. Jahrhundert zurückreichen. Die prachtvolle Innenausschmückung vollendet man erst im 18. Jahrhundert.

Viele salische und staufische Herrscher bevorzugen Würzburg als Aufenthaltsort. Im Jahre 1156 wird Friedrich Barbarossa mit Beatrix von Burgund vermählt, und noch bis ins 13. Jahrhundert hinein finden in Würzburg glanzvolle Reichstage statt. 1348 erlebt die Stadt eine furchtbare Judenverfolgung, der auch die Synagoge auf dem heutigen Marktplatz zum Opfer fällt. An gleicher Stelle wird im 14. und 15. Jahrhundert die jetzige Marienkapelle erbaut. Es ist ein feingliedriger Spätgotikbau. Tilman Riemenschneider schuf für das Südportal seine berühmten „Adam und Eva", die jetzt im Main-Fränkischen Museum zu sehen sind. Auch kommt es zu blutigen Kämpfen zwischen Bürgerschaft und Bischof, da die Stadt ihre Unabhängigkeit als freie Reichsstadt erstrebt.

1525 erleiden die Bürger und Bauern die entscheidende Nieder­lage im Bauernkrieg. Auch Tilman Riemenschneider, der damals Bürgermeister Würzburgs ist, gehört zu den Unterlegenen des Kampfes. Nur langsam erholt sich die Stadt von ihren Auseinandersetzungen.

1531 stirbt Tilman Riemenschneider. Nach der Niederlage der Bauern und Bürger folterte man Riemenschneider und brach ihm die Hände. Seitdem versagte die Schaffenskraft des großen Bildschnitzers.

Während des 30jährigen Krieges stürmt Gustav Adolf im Jahre 1631 die Festung Marienberg, diese ist eine frühkeltische Fliehburg, ab dem 13. Jahrhundert Residenz der Fürstbischöfe, und zwar von 1253 bis 1720,

Julius Echter von Mespelbrunn festigt durch kluge Gegenreforma­tion den Katholizismus. 1576 gründet er das Juliusportal, das heute auch eine bekannte Trinkstube beherbergt. Darauf, im Jahre 1582 erbaut er die Universität. Und nun beginnt für Würzburg eine glanzvolle Blütezeit, die im Barock- und Rokokobau ihren Ausschlag findet.

Es entsteht in dieser Zeit das Lustschloß Veitshöchheim, ein reizender Barockbau mit einem herrlichen Hofgarten. Außerdem der Vierröhrenbrunnen (1765), eine bedeutende Rokokoschöpfung von L. v. d. Auvera und Peter Wagner. Peter Wagner schuf auch zusammen mit Ferdinand Tietz die Gartenplastiken für Veitshöchheim. Das Haus zum Falken, das schönste profane Rokokobauwerk Deutschlands (1752)„ Der Stift Hang (1670 - 1690) von A. Petrini erbaut, ist einer der .ersten fränkischen Barockbauten nach dem 50jährigen Krieg. Die alte Mainbrücke erhält um 1730 12 barockene Heiligenstandbilder.

In dieser Zeit kann auch der Bischof unbesorgt seinen Wohnsitz von der Festung Marienberg hinunter in die Stadt verlegen, wo 1720 - 1744 die fürstbischöfliche Residenz entsteht. Der Schöpfer des Schlosses ist das Geschlecht der Grafen von Schönborn, Balthasar Neumann erbaut es. In dem großartigen Treppenhaus findet man das größte Deckengemälde der Welt von Giovanni Battista Tiepolo, der auch die Fresken des Kaisersaals gestal­tete. Die Rokoko-Hofkirche und der Hofgarten mit berühmten Plastiken und Toren sind weitere Anziehungspunkte.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wird nach den Plänen von B. Neumann das noch heute erhaltene Käppele vollendet, eine Rokokokirche prächtig ausgestaltet, doch es wirkt fast erdrückend für den Betrachter.

1803 wird Würzburg säkularisiert, Trotzdem bleibt der Glanz der Bauten rund eineinhalb Jahrhunderte erhalten,, Am 16. März 1945 Luftangriff auf Würzburg, der viele Kostbarkeiten der Stadt vernichtet. Wie durch ein Wunder bleibt die Rokokokirche "das Käppele" verschont. Andere Kunstbauten konnten zu einem Teil wieder restauriert werden. Der Aufbau der Stadt ging schnell vor sich und man versucht dabei Altes und Neues ineinanderzufügen. Auch die Universität hat wieder den Anschluß an ihren früheren Ruf gewonnen. 1896 entdeckte Röntgen hier seine be­rühmten Strahlen. Virchow und Schelling lehrten auch in dieser alten Universität.

Noch zu erwähnen wäre der Neumünster, der im 11., bis 13. Jahr­hundert über der Kiliangruft erbaut wurde. Die Barockfassade ist von J. Greising und J. Dintzenhofer. Im "Lusamgärtlein" am romanischen Kreuzgang befindet sich die Grabstätte von Walther von der Vogelweide. Außerdem der Grafeneckardt-Turm, der seit 1316. Rathaus der Stadt ist, mit dem romanischen Wenzelsaal. Als letztes möchte ich noch die romanische Basilika St. Burkadus erwähnen (1042 erbaut); die Vorhalle aber erst 1168 und der spätgotische Chor mit dem Querhaus folgte 1493. In der Basilika fin­det man eine Madonna von T. Riemenschneider„

Im modernen neuaufgebauten Würzburg ist vor allem die St. Alfonskirche und die Johanniskirche sehenswert.

Zum Schluß noch ein Wort zum Wein. Man sollte nicht vergessen, den guten Wein zu trinken, der an den Hängen rund um Würzburg wächst. Es ist der Stein- und Neubergwein. Ein Rat, nie 1/2 l Wein am frühen Morgen trinken.