S T U D I E N F A H R T der Klasse 12 a vom 2. - 7. September 1963

Die erste Klassenfahrt führt uns ins Taubertal, einem Teil der Romantische Straße.

 

Das Original des Fahrtberichts gibt es hier als PDF!

Die Teilnehmer waren in die folgenden Gruppen eingeteilt.
Leader war natürlich unser Klassenlehrer Oberstudienrat Koop.

Gruppe 1

Gruppe 2

Gruppe 3

Brunke

Deinert

Bartels

Doms

Lowack

Conradt

Eichholz

Reese

Hahn

Hummes

Wolter

Krumm

Rohbock

Zemke

Stürzenacker

Staack

Zickler


2. September, 1. Tag der Klassenfahrt*)

9:00 Uhr

Wir hatten verabredet, uns mit unseren Fahrrädern in der Bahn­hofshalle zu treffen. Alle sind da. Lang und Dürrkopf jedoch sind nur gekommen, um zu sagen, daß sie nicht mitfahren können. Sie hatten Halsschmerzen.

9:39 Uhr

Wir sind pünktlich abgefahren. Die für eine Klassenfahrt so un­vermeidliche Gruppeneinteilung wird im Zug vorgenommen.

Die Stimmung während der gesamten Bahnfahrt ist gemildert, da jeder pro Stunde nur eine Zigarette rauchen darf.

10:18 Uhr

In Hildesheim steigt eine Mädchenklasse ein. Die anfängliche Freude wandelt sich in Enttäuschung um, da es sich um sehr junge Mädchen handelt (ungefähr 7. Klasse). Die nächste Station ist Nordstemmen. Beinahe wären wir falsch ausgestiegen. Umsteigebahnhof ist für uns Gemünden. Als die Fahrräder aus dem Packwagen geholt werden, müssen einige Kameraden ärgerlich feststellen, daß Rücklichter, Kabel und sogar eine Gangschaltung beim Verladen der Fahrräder abgerissen sind.

Wir haben über eine Stunde Aufenthalt. Es ist mittlerweile auch Mittagszeit. Also hinein in die Bahnhofspinsche. Das Essen ist verhältnismäßig gut und voller Freude wird festgestellt, daß der "Halbe Liter" nur 70 Pf. kostet. Bei Hahn und Bartels ist die Freude über das billige Bier getrübt, da der Ober sie um jeweils 40 Pf. betrog, wie sie später feststellten.

Auf der Fahrt nach Wertheim ereignete sich ein peinlicher Zwi­schenfall: Krumm wird vom Schaffner dabei ertappt, wie er im Schienenbus die Füße auf die gegenüberliegende Bank legte.

Wertheim ist für uns Endstation. Wir bekommen ein ergiebiges Essen (Linsensuppe mit Wurst, Nachtisch).

18.35 Uhr

Reese und Zemke halten einen Vortrag über die Stadt Wertheim, bevor wir uns alle auf Wanderung durch die Stadt Wertheim begeben.

Wertheim (Main/Tauber)

Wertheim ist ein 12.000 Einwohner großer Luftkurort, der 141 m hoch an der Einmündung der Tauber in den Main liegt.

Wir verließen gegen Abend die Jugendherberge und begaben uns zur Tauberbrücke hinab. Von hier aus sind es nur wenige 100 m bis zur Mündung der Tauber in den Main. Wir gingen auf die von beiden Flußläufen, gebildete Halbinsel und konnten von hier aus flußaufwärts gewandt das auf beiden Hängen liegende Wertheim betrachten. Auf der rechten Seite des Taubertals lag die etwas neue Wohnstadt, während sich auf der linken Seite die Altstadt erstreckte, überragt von den Ruinen der alten Burg.

Da es schon dämmerte, entschlossen wir uns, wenigstens die Burgruine zu besichtigen und den malerischen Blick des Main- und Taubertales zu genießen. So begaben wir uns schnellen Schrittes an den Fassaden alter Bürgerhäuser vorbei zum Marktplatz, den wir gar nicht bemerkten, weil er durch die Straßenplanung zu einer Durchfahrtsstraße mit Parkplätzen degradiert worden war. An seinem Ende steht der Engelsbrunnen. Von hier aus gin­gen wir weiter zur Stiftskirche, die eine alte evangelische Stadtkirche ist. Sie ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit einem fünfseitigen gotischen Chor; das ganze Bauwerk stammt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Eine Innenbesichtigung war uns leider nicht mehr möglich, da die Kirche zu dieser vorgerückten Stunde geschlossen war.

Dann gingen wir weiter durch die Rathausgasse zum Rathaus. Dieses stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist mit einer stattlichen Freitreppe und einem Turm versehen, der als Kuriosum zwei um die gleiche Spindel gelegte Wendeltreppen mit verschiedenen Eingängen hat.

Über zahlreiche Treppen und über einen mehr oder weniger steilen Weg erklommen wir dann die Auffahrt zur Burg. Diese, eine der eindrucksvollsten Ruinen Süddeutschlands, war früher der Herrschaftssitz der Grafen von Wertheim. Die Anfänge dieser Anlage reichen bis in die Stauferzeit zurück. An eine Besteigung des Bergfrieds war bei der hereinbrechenden Dunkelheit nicht mehr zu denken. Der Burgwirt war aber so freundlich und ließ - in der Hoffnung auf eine gute Zeche - die Burg im Lichte vieler Scheinwerfer erstrahlen. Auf einem der Wehrgänge betrachteten wir dann aus ziemlicher Höhe das Panorama Wertheims. Immer mehr Lichter erglommen, während über Tauber und Main lichte Abendnebel wallten.

Beim Abstieg stellten einige Physiker von uns noch die Tiefe des Burgbrunnens fest, indem sie ein Sternchen hinunterfallen ließen. 35 m war das Ergebnis ihrer Messung!! Wieder in der Stadt angelangt, erhielten wir Ausgang, und bald darauf verteilte man sich in den einzelnen Gaststuben, um ein Glas oder gar einen Schoppen des guten Frankenweines zu probieren,

Wertheim ist auch ein Ort mit etwas Geschichte! So ist es be­reits nach 1200 ein städtisches Gemeinwesen geworden, und im Jahre 1306 wurden ihm von König Albrecht die Rechtsgewohnheiten nach dem Vorbild der freien Reichsstadt Frankfurt gewährt.

Noch zu Lebzeiten Luthers schloß sich die Grafschaft Wertheim unter Georg II. der Reformation an. Diesem Regenten verdankt Wertheim auch die Gründung eines Gymnasiums, das das älteste in Baden ist. Schön erhaltene Bauwerke geben uns über das Wach­sen und Werden noch heute Auskunft. Leider konnten wir die zahlreichen alten Holztore in den abgelegenen Gassen nicht mehr betrachten. Ebenso sahen wir wegen der Dunkelheit nicht die alten Hochwassermarken, die von der Bedrohung der Stadt durch Tauber und Main zeugen.

Doch die Stadt lebt nicht nur von der Vergangenheit. Im Maintal, nicht weit von der Altstadt, entstand nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Siedlung, mit dem Zentrum einer leistungsfähigen Industrie, die zahlreichen Vertriebenen Arbeit gibt (Glasverhüttung).

Am anderen Ufer des Mains liegt Kreuzwertheim. 1009 erhielt es das Marktrecht, wurde aber schon im 8. Jahrhundert erwähnt. Das Wegkreuz auf dem Kirchplatz verlieh dem Ort seinen Namen, Die Reste der Befestigung zeugen noch von der vergangenen Wehrhaftigkeit Kreuzwertheims.

Früher war hier, wie überall im Taubertal, der Weinbau stark verbreitet. Seit etwa 100 Jahren hat er dem Obstanbau Platz ge­macht, doch wächst hier und da noch ein guter Tropfen.

 *)  Alle Angaben im Text beziehen sich natürlich auf dem Wissensstand von 1963!


3. September 1963, 2. Tag der Reise

Ort: Wertheim, Jugendherberge

Zeit: 7:00 Uhr morgens

Schlaftrunken steigen Lehrer und Schüler aus den Schlafsäcken. Das Waschzeug wird aus einem Gepäckstück hervorgesucht. Gähnend wälzt sich eine träge Masse (hat nichts mit Physik zu tun) zu den Waschräumen, in denen der Versuch unternommen wird, die Müdigkeit zu beseitigen. Es scheint zu gelingen, denn kurze Zeit später sind die Fahrradtaschen und die anderen Gepäckstücke gepackt. Die Frühstückstische sind von der 1. Gruppe gedeckt. Man ißt. Ruhe! Nachdem die Tische von Geschirr, Krümeln, Resten etc. befreit sind, werden von einem Teil der Klasse Lunten und Pfeifen (nicht mein geistiges Produkt) in Gang gesetzt.

Lagebesprechung der Gruppenführer mit Herrn Koop. Um 8.15 Uhr schwingt sich die 1. Gruppe auf die Renner und jagt von der hochgelegenen D.J.H. hinunter in die Stadt, durch sie hindurch und in Richtung Bronnbach davon. Die anderen beiden Gruppen fol­gen in einigem Abstand. Es ist herrliches Wetter, strahlender Sonnenschein und die Fluten der okerähnlichen Tauber laden zum Bade. Links an den Berghängen wächst der Wein, dem wir am Abend zuvor zugesprochen haben. Künstliches Fallobst wird gelegent­lich verzehrt. Keine nennenswerten Ereignisse.

Gegen 9.00 Uhr ist die Klasse nach 10 km Fahrt vor dem Zister­zienserkloster in Bronnbach versammelt. Die Führung kann beginnen, Die leicht monoton klingende Stimme des Führers ertönt:

Von 1151 - 1805 wurde es von Mönchen bewohnt und ging dann in den Besitz des Fürsten von Löwenstein über. Bemerkenswert sind zwei Altäre von Kern. Das herrliche Chorgestühl, von einem einheimischen Mönch als Lebenswerk in Eiche geschnitten, das halbtonnenförmige Seitenschiff in südfranzösischem Stil, ein­zigartig nördlich der Alpen, und der Kreuzgang, an dem man gut die einzelnen Stilepochen erkennen kann, bilden die Höhepunkte des Rundgangs, obgleich der Kapitelsaal und die Orangerie mit dem größten Gemälde unter freiem Himmel (einzigartig rechts des Rheins) kaum minder sehenswert sind.

Um 10.00 Uhr schwingen wir uns wieder auf die Drahtesel. Auf geht es in Richtung Tauberbischhofsheim. Schon nach einigen Kilometern sehen wir hoch über der Tauber die Gamburg. Herr Koop wendet sich an die versammelte Mannschaft und äußert die geflügelten Wort: "In 15 Minuten möchte ich euch von oben Wiedersehen." Sprach’s, legte sich ins Gras und sonnte sich.

Es kostet uns einigen Schweiß, bis wir die aus Buntsandsteinen errichtete Burg erreichen Einige klettern auf den gut erhaltenen, breiten Mauern herum, andere treiben neckische Spielchen auf einem Spielplatz, der dicht unter der Burg liegt, aber nicht so alt wie sie zu sein scheint.

Dann geht es weiter: Richtung Werbach.

Gegen 11.45 Uhr treffen wir dort ein, besorgen uns etwas zu trinken und essen unsere mitgenommenen Brote am Fuße eines Kriegerdenkmals, das an eine Schlacht von 1866 zwischen Württemberg und Preußen erinnert. Gestärkt treten wir gegen 12.30 die Weiterfahrt an. Ziel ist Tauberbischhofsheim. Wir erreichen gegen 13.00 Uhr einen größeren Parkplatz am Rande der Stadt, durch die wir gemeinsam einen Rundgang machen, der ohne besondere Vorkommnisse verläuft.

Einige geschichtliche Daten und Entwicklung der Stadt:

Um 700 fränkisches Dorf mit Königshof. Bonifatius erhält die Stadt als Schenkung von Karl Martell. Um 742 Eingliederung ins Bistum Mainz, 1160 - 1237 an Hohenstaufen gehörend, dann Rück­gabe an Erzbischhof Siegfried, 1275 erhält Tbb. das Stadtrecht, Bauernaufstände um 1500, im 30jährigen Krieg 3jährige Besetzung durch Gustav-Adolf den Schweden, 1850 Abtragung der Stadtmauern, 1802 an Fürsten von Leiningen, dann an Baden. Seit 1952 gehört die Stadt zu Baden-Württemberg. Die schönste Sehenswürdigkeit ist das kurmainzische Schloß.

Karten und Briefe werden geschrieben, Photos werden gemacht.

Dann um 15.00 Uhr geht es wieder los nach Bad Mergentheim, dem Tagesziel. Ein Teil der 1. Gruppe veranstaltet ein kleines Wettrennen bis zur D.J.H. Brunke muß durch Reifenschaden aussetzen. Die anderen beiden Gruppen treffen fast eine Stunde später ein. Es ist fast 17.00 Uhr. Das Gepäck wird in die Schlafräume gebracht. Die Betten werden gemacht. Gruppe 2 deckt um 18.00 Uhr die Tische0 Man ißt. Um 18.30 beginnt ein kleiner zwangloser Rundgang durch die Stadt und den Kurpark, dessen Dunkelheit dazu dient, der Aufsicht zu entrinnen.

Gruppe III findet Kneipe, die anderen folgen. Was trinken wir? Wein! Was für Wein? Speisekarte! Wieviel? Mal sehen. Gruppe III flüchtet nach einem halben Liter einheimischen Weins. Dahinten ist ja noch eine Gastwirtschaft. Bier, endlich! Wir sitzen bei einem blonden Hellen, die Tür geht auf. Wer erscheint?? - Herr Koop. Er setzt sich zu uns.

Um 21.15 Uhr melden die drei Gruppenführer, daß die Gruppen vollzählig eingetroffen sind. Vor der D.J.H. werden die letzten Zigaretten geraucht. Ein Teil der Klasse ist eifrig bemüht, eine Mädchenklasse (alle keine besonderen Schönheiten) zu unterhalten.

Die Lunten und Pfeifen aus, waschen, Bettruhe.


4. September, 3. Tag der Studienfahrt

Die Nacht hatten wir in der Jugendherberge von Bad Mergentheim verbracht. Wie üblich wurden wir kurz nach 7.00 Uhr geweckt. Dies geschah vielleicht zum Leidwesen einiger Knaben, die am Abend zuvor ein wenig zu viel von dem "so billigen" Wein getrunken hatten. Da half aber kein Murren, man mußte raus. Jetzt machten wir uns an die Routinesachen: Waschen, frühstücken, Bettenmachen, Zimmer ausfegen usw.

Kurz vor 10.00 Uhr waren wir alle fertig und versammelten uns dann, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu bewundern. Hier muß gesagt werden, daß wir uns einen Führer nehmen wollten.

Aber es war leider keiner aufzutreiben. Ob er sich schnell verdrückt hat, als er unserer ansichtig wurde, kann man heute nicht mehr genau feststellen. Jedenfalls entschloß sich Herr Koop, ihn zu vertreten und uns ein guter Führer zu sein.

Die Besichtigung fing mit einer Kirche an. Danach bummelten wir in Richtung Schloß. Unterwegs gab es einige alte Häuser zu sehen, und schließlich kamen wir zu einem Hufschmied. Die Abwechslung war uns allen recht, und so blieben wir einige Zeit dort. Danach gingen wir zum Ritterordensschloß. Ah! Auch hier gab es wieder eine Kirche, die Schloßkirche! Wir besichtigten sie, dann Teile des Schlosses und zum Schluß bestiegen wir (Schüler) den Turm.

Nach dem Mittagessen fuhren wir mit den Rädern nach Stuppach. Hier konnten wir für ein kleines Entgeld die Madonna von Grünewald besichtigen. In der Besichtigung war ein Vortrag über das Werk inbegriffen. Wir konnten zwischen einem Tonband und einer älteren Dame wählen. Wir wählten die Dame… aber wir hätten das Tonband nehmen sollen.

Die Stuppacher Madonna wurde 1517 - 1519 von Matthias Grünewald gemalt. Sie war das Mittelbild des Altars der Maria- Schnee-Kapelle in Aschaffenburg. Das Gemälde kam aber ins Ordensschloß von Bad Mergentheim. Die Madonna wurde übermalt und nach Stuppach verkauft. Dort um 1900 entdeckte man das Grundbild.

Grünewald ist zwischen 1470 und 1480 geboren. Von 1504 bis 1519 war er in Seligenstadt bei Aschaffenburg tätig. Dann wurde er der Hofmaler beim Erzbischof in Mainz, bei Uriel von Gemmingen und bei Albrecht von Brandenburg, diesen mußte er aber verlassen, weil Grünewald Neigung zum Luthertum hatte.

1527 ging er nach Frankfurt und wurde Wasserkunstmeister. Er starb 1528 in Halle.

Grünewald war seinerzeit neben Dürer der bedeutendste Maler.

Nach dem Abendbrot hatten wir Ausgang, Einige von uns vergnüg­ten sich beim Twist mit einem Schifferklavier. Die Stilleren setzten sich in eine Kneipe und tranken einen Schoppen Wein... ..oder vielleicht auch mehrere.

Bad Mergentheim

Diese Stadt zeigt zwei Gesichter. Auf der einen Tauberseite liegt das alte Mergentheim. Hier fällt uns sofort der alte, ehrwürdige Marktplatz aus dem Mittelalter ins Auge. Am Rande steht ein vornehmes Ritterhaus mit seinen treppenförmigen Giebeln. In einem anderen Fachwerkhäuschen, das auch nahe am Marktplatz steht, hat Eduard Mörike lange Zeit gewohnt.

Weitere Sehenswürdigkeiten des alten Mergentheim sind die Ma­rienkirche, erbaut im 14. Jahrhundert, in deren Inneren sich das Grabmal eines Hochmeisters des Deutschen Ritterordens be­findet (das Grabmal wurde von Hans Vischer geschaffen), dann die gotische Stadtkirche St. Johannes sowie 4. das Schloß des Deutschritterordens mit seinen Höfen, Portalen, Türmen und den Innengebäuden. Dazu kurz etwas über die Geschichte der Deutsch­ordensritter:

Die Deutschordensritter stammen von einem Krankenpflegerorden, der 1190 bei der Belagerung der Festung Akko in Palästina gegründet worden war. Unter dem Hohenstaufener, Friedrich II, bekam er eine gewaltige Macht. - Übrigens war dieser Orden rein national; nur Deutsche fanden in ihm Aufnahme.-

Sein Betätigungsfeld lag einmal im Orient, später dann in Osteuropa. Hier erfüllte der Ritterorden nur noch kolonisatorische Aufgaben. Nach der endgültigen Verlegung seines Sitzes nach Mergentheim entstand hier 1526 das Ritterschloß mit seinen vielen Gebäuden. Der Orden hörte erst 1809 auf zu bestehen, als er auf Veranlassung Napoleons aufgelöst wurde.

Und nun noch etwas zum Schloß selbst:

Im Inneren stehen die Standbilder zweier Deutschordensritter. Die Schloßkirche wurde nach den Plänen des Artillerieoffiziers Balthasar Neumann, dem Erbauer des Würzburger Schlosses, er­richtet,

Das neuzeitliche Mergentheim genießt heute dank seiner vielen Heilquellen einen guten Ruf als Bad und Erholungsort. Die heilkräftigen Quellen mit ihrem Gehalt an Sulfationen, die mit dem gleichzeitig vorhandenen Natrium und Magnesium das Staubersalz und Bittersalz bilden, helfen bei Krankheiten an der Galle, der Leber, der Bauchspeicheldrüse sowie bei Verstopfungen, bei Dünn- und Dickdarmentzündungen, bei Zucker und Fettsucht.

Besonders wichtige Quellen sind die Karlsquelle, die Paulsquelle - die erst 1954 angebohrt wurde -, die Albertquelle und die Wilhelmsquelle.


5. September 1963, 4. Tag der Studienfahrt

Bad Mergentheim

Wie jeder Morgen, so begann auch dieser Tag mit dem eintönigen, in Fleisch und Blut übergegangenen Dienstplan. Nachdem wir mehr oder weniger freiwillig die Betten verlassen hatten, machten wir uns, teilweise noch im Halbschlaf, zum Frühstück fertig. Eine halbe Stunde später saßen wir alle vereint im Tagesraum, um unsere knurrenden Mägen mit einem ausgiebigen Mahl zu befriedigen.

Nachdem die diensthabende Gruppe (3) ihre Aufgaben mit größtmöglicher Sorgfalt erledigt hatte und wir alle unser Gepäck auf die Fahrräder geschnallt hatten, verabschiedeten wir uns von den Herbergseltern und den Mädchen einer Berliner Schulklasse, mit denen sich einige von uns schnell angefreundet hatten. Nach diesem herzzerreißenden Abschied, der, wie wir später feststellen sollten, nicht lange andauerte, ertönte das Abfahrtsignal, das uns den Weg nach Rothenburg freigab. Langsam setzten sich die einzelnen Gruppen in Bewegung und radelten, indem sie noch einen letzten Blick auf das kleine Städtchen Mergentheim warfen, der Landstraße zu, auf der wir nach Rothenburg gelangen wollten.

Obwohl uns das Wetter nicht sehr wohlgesonnen war, verging uns trotzdem nicht der Appetit auf Fallobst, das wir entlang der Straße „finden" konnten. Nach dieser feuchten, aber trotzdem fröhlichen Fahrt gelangten wir nach Weikersheim, wo wir um 9.30 Uhr das Schloß mit allen seinen Zimmern, Sälen, Einrichtungsgegenständen und hygienischen Anlagen besichtigten. Nachdem wir noch ein wenig im Schloßgarten spazierengegangen sind, schwangen wir uns nach einer kleinen Essenspause auf die Fahrräder, um bis 13.00 Uhr in Creglingen zu sein, das wir nach einer qualvollen Bergauffahrt erreichten (zum vereinbarten Zeitpunkt).

Wir wärmten uns in der Jugendherberge ein wenig auf und fuhren dann eine halbe Stunde später zur Herrgottskirche hinauf, in der wir den prachtvollen Marienaltar von Riemenschneider besichtigten. Obwohl eine halbe Stunde Besichtigungsdauer nicht ausreichte, um alle Einzelheiten des Altars zu studieren, brachen wir doch schon um 14.10 Uhr in Creglingen auf und setzten unseren Weg nach Rothenburg fort.

Der zweite Teil des Tages verlief wesentlich ruhiger als der erste. Das Wetter hatte sich wesentlich gebessert und bis Rothenburg besichtigten wir nichts weiter als die herrliche Landschaft, die sich zu beiden Seiten der Straße erstreckte. Kurz vor 16.00 Uhr fiel die Gruppe, die die Nachhut bildete, wegen Reifenschadens einige Kilometer zurück und erreichte schließlich nach einer beschwerlichen Bergauffahrt eine Stunde nach den anderen beiden Gruppen das mittelalterliche Städtchen Rothenburg.

Wir aßen, nachdem wir uns in unseren Zimmern eingerichtet hatten, zu Abend. Wir hatten alle einen gesegneten Appetit, was dem Herbergsvater nicht zu passen schien, denn er nannte uns, nachdem wir uns noch nachbestellen wollten, eine "verfressene Gesellschaft."

Anschließend bereiteten wir uns auf einen ersten inoffiziellen Stadtrundgang vor. Während wir über das holprige Kopfsteinpflaster gingen, betrachteten wir das altertümliche Stadtbild mit den mittelalterlichen Stadtmauern, den Toren, den Türmen, den Wehrgängen und den Giebelhäusern der Gotik und Renaissance. Tief beeindruckt machten wir uns auf den Rückweg zur Jugendherberge.

Weikersheim

Kommt man nach Weikersheim, so sollte man es nicht versäumen, sich das ehemalige fürstlich-hohenlohische Schloß Weikersheim anzusehen.

Die aus der Zeit der Deutschordensritter stammende Wasserburg wurde in der Renaissance zu einem prächtigen dreieckigen Schloß ausgebaut. Der Saal des Schlosses, der mit plastischen Wandreliefs und einem prächtigen Kamin ausgestattet ist, sowie einer Felderdecke - eine einzigartige Hängekonstruktion -, die mit derben Jagdszenen ausgemalt ist, machen ihn zum prächtigsten seiner Epoche. Bemerkenswert sind auch die Stuckaturen, die ersten dieser Art, die damals in Deutschland bestanden.

Sehenswert an der Schloßanlage ist außer dem Bergfried, dem äl­testen Teil des Schlosses, der später mit einem Zwiebelturm versehen wurde, der barocke Park mit seinen Statuen, der Orange­rie und den Wasserspielen. Der Zweig der Hohenlohe, der das Schloß bewohnte, ist ausgestorben. Das Schloß befindet sich jedoch noch in Privatbesitz.

Creglingen

In der Herrgottskirche in Greglingen wird das schönste Werk Tilman Riemenschneiders aufbewahrt: der Marienaltar. Er ist um 1510 entstanden und stellt Szenen aus dem Leben Marias dar. Der Altar, der 11 m hoch ist, besticht vor allem durch die Feinheit und Schönheit des Filigranwerkes und der Figuren. Er Ist nicht von der Beize nachgedunkelt, sondern in seiner ur­sprünglichen Farbe erhalten. Die Figuren sind aus hellem Linden-, der Altar aus Föhrenholz.

 

Der Riemenschneideraltar geriet 1530, als die Kirche evange­lisch wurde, in Vergessenheit und wurde erst 1832 wieder geöffnet. Dadurch blieb er vollständig erhalten.

Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber war gleich seinen Nachbarstädten Nürnberg, Dinkelsbühl, Nördlingen und Windheim jahrhundertelang eine freie Reichsstadt.

Von einem mächtigen fränkisch-karolingischen Grafengeschlecht (800) ging diese Veste in der Mitte des 11. Jahrhunderts an die Hohenstaufen über. In ihrer unmittelbaren Nähe entstand die erste mauernumringte bürgerliche Siedlung, die sich rasch zur Stadt entwickelte (1172). Kaiser Rudolf I. von Habsburg verlieh ihr 1274 die Reichsfreiheit.

Das 14. und 15. Jahrhundert sind die Zeit der Blüte, des Reichtums und der Städtemacht. Die Gestalt des Bürgermeisters Heinrich Toppier (+1408) ging als überragende Persönlichkeit aus dieser Epoche hervor. Die Zeit der Gotik hat uns Rothen­burg als "Kleinod des Mittelalters" geschenkt. Der prächtige Renaissancestil der Bauperiode gegen Ende des 16. Jahrhunderts ist ein weiteres Zeichen für den Wohlstand der Stadt in dieser Zeit.

1631 wurde Rothenburg ob der Tauber vom kaiserlichen Feldherrn Tilly im Sturm genommen; an dieses Ereignis erinnert die Geschichte "des Meistertrunks“. Im September 1802 ging die Vorzugsstellung Rothenburgs durch den Staat Bayern verloren und wurde zu einer unbedeutenden Grenz- und Landstadt erniedrigte Erst das bayrische Gemeindeedikt von 1819 machte es wieder zu einer unmittelbaren Stadt und gab ihm damit auch wieder das Recht der gemeindlichen Selbstverwaltung*

Seit der Einführung der neuen Gemeindeordnung vom 1 . April 1935 war Rothenburg nur noch eine "kreisangehörige Stadt Bayerns", die etwas über 9000 Einwohner zählte. Dieses „Unrecht" wurde jedoch durch die Verleihung der Kreisunmittelbarkeit am 1. April 1948 wieder gutgemacht. Die Einwohnerzahl beträgt rund 12.000«

Die Stadt liegt auf einer Hochfläche (425 m), die aus Lettenkohlenkeuper besteht, nahe am Rand über dem steil abfallenden (60 m tief) Muschelkalktal der Tauber. Daher der Beisatz im Namen "ob der Tauber".


6. September 1963, 5. Tag der Studienfahrt

Rothenburg

Um 7.00 Uhr wie immer zu frühes Wecken; anschließend allgemei­nes Essen und Saubermachen. Dann endlich kann der Beginn des langersehnten Stadtrundganges vor sich gehen, Unter sachkundiger Führung von Herrn Koop gelangen wir in den Burggarten, hören uns einen Bericht von Eichholz über die Stadt an und besichtigen die Folterkammer, in der allerhand reizende Dinge zu sehen sind. Unter einigem Aufatmen gehen wir an einem Museum vorbei und dürfen dann endlich wieder einmal eine Kirche von innen an- sehen, und zwar die Jacobskirohe in der, was uns nicht überrascht, ein Riemenschneider-Altar steht* Doch auch diese Besichtigung geht vorüber, Der Fortgang wird allerdings dadurch verzögert, daß sich einige unbedingt einen "Jaguar E" ansehen müssen.

Dann werden wir auf den Rathausturm (193 Stufen) gescheucht und genießen die Höhenluft und den Ausblick auf die Stadt. Wieder unten, geht das Programm weiter: Um 11.oo Uhr wohnen wir dem Meistertrunk bei. Gleich danach besichtigen wir unter großem Gedränge - es hat sich uns noch eine Mädchenklasse angeschlossen und seltsamerweise die gleiche wie in Bad Mergentheim - den Kaisersaal des Rathauses, steigen 2 Treppen hinab und gelangen durch einen kleinen, dunklen Gang mit Pfütze in die Verliese. Endlich wieder draußen, werden wir auf der Stadtmauer entlang zur Herberge zurückgeschickt.

 

Nach dem Mittagessen verlassen wir bei heiterem Wetter Rothenburgs altes, aber holperiges Kopfsteinpflaster und fahren über Berg und Tal, d. h. berghoch wird von einigen fleißig geschoben, über Reichelshofen nach Bhf. Steinbach (11 km). Wir müssen jedoch noch geschlagene 2 Stunden bis zur Abfahrt des Zuges warten. Diese Zeit wird mit Doppelkopf-Spielen und anderem über die Runden

In Würzburg kommen wir nach 90 Min, Bahnfahrt an und fahren als "Omnibus" durch den starken Verkehr zur Jugendherberge. Offensichtlich mißfällt es einigen, und nicht nur uns, daß in dem selben Haus ein Polizeirevier untergebracht ist. Nach dem köstlichen Abendessen können wir machen, was wir wollen. Es wird uns zwar empfohlen, die Sehenswürdigkeiten schon jetzt anzusehen, doch behalten wir uns das lieber für den nächsten Tag vor.

Würzburg

Der Opfertod des heiligen Kilian und das Martyrium seiner Gefährten Kolonat und Totnan (1689) gaben den Anlaß zu. einer aus­greifenden Christianisierung des ostfränkischen Raumes.

Bereits 1706 errichtete Herzog Hedan II. auf dem Marienberg die erste fränkische Kirche, die noch bis heute als ältester sakra­ler Rundbau Deutschlands erhalten blieb. 741 wird die Stadt Würzburg zum Bistum und entwickelt sich unter der geistlichen Obhut sehr schnell. Bedingt durch die günstige Lage, entsteht bald ein bedeutender Handelsplatz, ein wichtiger Knotenpunkt des Verkehrs.

Die alte Mainbrücke, in ihrer heutigen Form erst im späten Mit­telalter erbaut, verbindet schon im 8. Jahrhundert beide Ufer des Mains. 1030 werden dem Bischof Markt-, Zoll- und Münzrecht zugesprochen, 1168 die Würde des Herzogs von Franken; dadurch gerieten weltliche- und geistliche Macht in eine Hand. 1188 ist im Herzen der Stadt die Domkirche erbaut, deren erste Ansätze noch ins 9. Jahrhundert zurückreichen. Die prachtvolle Innenausschmückung vollendet man erst im 18. Jahrhundert.

Viele salische und staufische Herrscher bevorzugen Würzburg als Aufenthaltsort. Im Jahre 1156 wird Friedrich Barbarossa mit Beatrix von Burgund vermählt, und noch bis ins 13. Jahrhundert hinein finden in Würzburg glanzvolle Reichstage statt. 1348 erlebt die Stadt eine furchtbare Judenverfolgung, der auch die Synagoge auf dem heutigen Marktplatz zum Opfer fällt. An gleicher Stelle wird im 14. und 15. Jahrhundert die jetzige Marienkapelle erbaut. Es ist ein feingliedriger Spätgotikbau. Tilman Riemenschneider schuf für das Südportal seine berühmten „Adam und Eva", die jetzt im Main-Fränkischen Museum zu sehen sind. Auch kommt es zu blutigen Kämpfen zwischen Bürgerschaft und Bischof, da die Stadt ihre Unabhängigkeit als freie Reichsstadt erstrebt.

1525 erleiden die Bürger und Bauern die entscheidende Nieder­lage im Bauernkrieg. Auch Tilman Riemenschneider, der damals Bürgermeister Würzburgs ist, gehört zu den Unterlegenen des Kampfes. Nur langsam erholt sich die Stadt von ihren Auseinandersetzungen.

1531 stirbt Tilman Riemenschneider. Nach der Niederlage der Bauern und Bürger folterte man Riemenschneider und brach ihm die Hände. Seitdem versagte die Schaffenskraft des großen Bildschnitzers.

Während des 30jährigen Krieges stürmt Gustav Adolf im Jahre 1631 die Festung Marienberg, diese ist eine frühkeltische Fliehburg, ab dem 13. Jahrhundert Residenz der Fürstbischöfe, und zwar von 1253 bis 1720,

Julius Echter von Mespelbrunn festigt durch kluge Gegenreforma­tion den Katholizismus. 1576 gründet er das Juliusportal, das heute auch eine bekannte Trinkstube beherbergt. Darauf, im Jahre 1582 erbaut er die Universität. Und nun beginnt für Würzburg eine glanzvolle Blütezeit, die im Barock- und Rokokobau ihren Ausschlag findet.

Es entsteht in dieser Zeit das Lustschloß Veitshöchheim, ein reizender Barockbau mit einem herrlichen Hofgarten. Außerdem der Vierröhrenbrunnen (1765), eine bedeutende Rokokoschöpfung von L. v. d. Auvera und Peter Wagner. Peter Wagner schuf auch zusammen mit Ferdinand Tietz die Gartenplastiken für Veitshöchheim. Das Haus zum Falken, das schönste profane Rokokobauwerk Deutschlands (1752)„ Der Stift Hang (1670 - 1690) von A. Petrini erbaut, ist einer der .ersten fränkischen Barockbauten nach dem 50jährigen Krieg. Die alte Mainbrücke erhält um 1730 12 barockene Heiligenstandbilder.

In dieser Zeit kann auch der Bischof unbesorgt seinen Wohnsitz von der Festung Marienberg hinunter in die Stadt verlegen, wo 1720 - 1744 die fürstbischöfliche Residenz entsteht. Der Schöpfer des Schlosses ist das Geschlecht der Grafen von Schönborn, Balthasar Neumann erbaut es. In dem großartigen Treppenhaus findet man das größte Deckengemälde der Welt von Giovanni Battista Tiepolo, der auch die Fresken des Kaisersaals gestal­tete. Die Rokoko-Hofkirche und der Hofgarten mit berühmten Plastiken und Toren sind weitere Anziehungspunkte.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wird nach den Plänen von B. Neumann das noch heute erhaltene Käppele vollendet, eine Rokokokirche prächtig ausgestaltet, doch es wirkt fast erdrückend für den Betrachter.

1803 wird Würzburg säkularisiert, Trotzdem bleibt der Glanz der Bauten rund eineinhalb Jahrhunderte erhalten,, Am 16. März 1945 Luftangriff auf Würzburg, der viele Kostbarkeiten der Stadt vernichtet. Wie durch ein Wunder bleibt die Rokokokirche "das Käppele" verschont. Andere Kunstbauten konnten zu einem Teil wieder restauriert werden. Der Aufbau der Stadt ging schnell vor sich und man versucht dabei Altes und Neues ineinanderzufügen. Auch die Universität hat wieder den Anschluß an ihren früheren Ruf gewonnen. 1896 entdeckte Röntgen hier seine be­rühmten Strahlen. Virchow und Schelling lehrten auch in dieser alten Universität.

Noch zu erwähnen wäre der Neumünster, der im 11., bis 13. Jahr­hundert über der Kiliangruft erbaut wurde. Die Barockfassade ist von J. Greising und J. Dintzenhofer. Im "Lusamgärtlein" am romanischen Kreuzgang befindet sich die Grabstätte von Walther von der Vogelweide. Außerdem der Grafeneckardt-Turm, der seit 1316. Rathaus der Stadt ist, mit dem romanischen Wenzelsaal. Als letztes möchte ich noch die romanische Basilika St. Burkadus erwähnen (1042 erbaut); die Vorhalle aber erst 1168 und der spätgotische Chor mit dem Querhaus folgte 1493. In der Basilika fin­det man eine Madonna von T. Riemenschneider„

Im modernen neuaufgebauten Würzburg ist vor allem die St. Alfonskirche und die Johanniskirche sehenswert.

Zum Schluß noch ein Wort zum Wein. Man sollte nicht vergessen, den guten Wein zu trinken, der an den Hängen rund um Würzburg wächst. Es ist der Stein- und Neubergwein. Ein Rat, nie 1/2 l Wein am frühen Morgen trinken.


Die letzten anderthalb Tage der Studienfahrt (Würzburg):

6:00 Uhr: Erstes Wecken durch die nahen Glocken von St. Burkard. 6:45 Uhr: Zweites Wecken durch Lehrer und knarrende Betten.

Etwa um halb acht (mit Verfrühung) frühstückten wir. Zur Besichtigung hatte einer von uns nur leichte Schuhe an. "Ihr seid wohl Kinder", war die Reaktion. Der Betroffene zog sich andere an und wir überlegten, ob das eine Beschimpfung sei.

Fremdenführer Zickler klärte uns über den altehrwürdigen Boden auf: "Dort St. Burkard mit Madonna, natürlich Riemenschneider. Bei einer Vergrößerung wurde die Straße drunter durch gebaut. Am Wehr dort, der berühmtesten Mainbrücke, sehen wir Standbilder von Heiligen, von denen einige fehlen."

Auch als Stenograf hatte man es noch schwer bei seiner Zungenfer­tigkeit,

Auf dem Schloß: "Vor euch liegt Würzburg - aha - es wurde von den Hohenzollern wegen der schönen Weinberge bevorzugt, die aller­dings noch nicht da waren, Etwas später erlebte es seine glanzvollste Blütezeit."

Auf einem anderen Berge sehen wir zum ersten Male das Käppelle. Von hier wirkt es schöner als von innen, Gegen 9»oo Uhr erhalten wir vor einer Führung noch einmal Freizeit. Sie wird mit Freuden zum Pflaumen- und Birnenfällen im Schloßgarten benutzt. Die faulen Jungen werden von den fleißigen aus dem Burggraben mit Obst unter Beschuß genommen.

Bei der Besichtigung der Marienfeste fehlte wieder der Lehrer, der sich ausruhen mußte. Strafe: es war die beste Führung, die wir mitmachten. Vorher Ermahnung Zicklers an die ihm Anvertrauten: "Er will keine Klagen hören von wegen Zwicken im Dunkeln." Gemurmel.

Wir bewundern einen Turm, den wir nicht einmal besteigen, die erste - mit erste, schönste, größte sind wir gut vertraut! - Rundkirche östlich des Rheins. Besonders erwähnt wurde, daß der Renaissanceschmuck später hineingekommen sei. Übrigens zu Ehren Kilians (die Kirche!).

Dann starren wir in einen schallfressenden 106 m tiefen Brunnen, dürfen aber nicht hineinklettern. Mit Folterwerkzeugen - wahr­scheinlich einheimischer Meister! - wie man sie hier in Tilmans Gefängnis sieht, sind wir schon vertraut. Einer der Insassen dieses Gefängnisses starb - jedoch - unnatürlich. "Julius Echter starb am Herzschlag, er war schon vorher recht rabiat." Der Führer ist ein (früherer) Ungar. Wir erblicken ein Tuch:" Das Schnupftuch brauchte man nicht zum Naseputzen; dazu hatte man einfachere Arten."

Die früheren Bewohner des Schlosses hatten Angst um ihr Geld, Denn: "Sie verschlossen ihr Geld in Truhen, auf deren Grund ein Hund gemalt war." Schade, wenn man auf den Hund gekommen war. Auch Truhe II ist verschlossen: "Diese kann ich Ihnen nicht vorführen, da ein Besucher aus Versehen den Schlüssel mitgenommen hat." Schade, daß keine Truhe III da war; auch wir hätten gerne ein Andenken gehabt.

Die Pulverkammer: "Vorsicht sagte man sich und lagerte das Pulver bei Fackellicht!" Dann sehen wir unter die Burg. 8 km lan­ge Verteidigungsgänge ziehen sich unter ihr hin. Vom Fürstengarten schauen wir auf die Stadt; wie Dresden, das ja auch be­deutende Kulturstadt war, wurde auch W. fast vollständig zerstört. Zu 81%! "Früher durften wir nun vernehmen, stellte ich meinen Besuchern angesichts dieser Zerstörung und als unbetei­ligter Ungar immer die Präge, ob es auch unter den Alliierten Kriegsverbrecher gegeben habe, Seit mir das der Verfassungs­schutz verboten hat, tue ich das nicht mehr. Dort sehen sie die Kugelschreiber bzw. Zahnstocher, in weniger profanem Deutsch: die Johanniskirche."

St. Alfons entpuppte sich als Gebetabschußrampe oder Landebahn des Heiligen Geistes.

Wir freuten uns über diese endlich einmal nicht so trockene Führung. Dann geht's ins Rheinfränkische Museum mit Standbildern - links ein Riemenschneider, rechts ein Riemenschneider - mit alten Wohnungseinrichtungen, aber wenig Mädchen. So waren die Altertümer bald besichtigt und wir konnten schon um 1:00 Uhr essen.

Um 2.00 Uhr geht es ab zum Stadtbummel; es wird gebummelt.

"Drüben der Kran ist ein Wahrzeichen Würzburgs, hier das Neu­münster ein weiteres. Erbaut ist es über der Kiliangruft, doch dürfen wir die Betenden nicht stören. Dafür sehen wir hier draußen eine Steinplatte, die uns daran erinnert, daß Walther von der Vogelweide hier begraben ist."

Der Dom war herrlich und wurde 1033 begonnen. Er wurde restau­riert, und wir konnten ihn nicht besichtigen. Kurz vor drei erreichen wir die Residenz, Davor ein Brunnen, Mit nassem Wasser, wie einige jedoch erst noch feststellen mußten. Im Treppenaufgang: "Und da seht ihr einige Figuren - die da fehlen." Woher soll der Prospekt auch wissen, daß restauriert wird?

Am Gemälde Tiepolos entspannen sich Debatten: ist jenes Bein gemalt oder aus Stück und ragt in den Raum. Meist war alles täuschend gemalt, Ob alle bemerkten, daß Ägypten in Asien lag und einige Tiere in falschen Erdteilen herumliefen? Im Kaisersaal hielten einige die Spiegel für Türen und in der Marienkapelle die Uhren für nicht angebracht. Für uns Norddeutsche waren diese Barockkirchen wohl zu überladen. In einer Verschnauf­pause ergingen wir uns im Schloßgarten und marschierten dann zur Johanniskirche ab. Die Zahnstocher erwiesen sich als würdig, aufs Bild gebannt zu werden - jedenfalls von innen.

Joachim stöberte Grünewalds Bild vom Isenheimer Altar auf (in einer herrlichen gotischen Kirche), doch war es wohl eine Nachbildung, wie wir alle sachkundig .feststellten.

Auf dem Rückweg bestaunten wir von außen (innen der Eigen­initiative überlassen) das Bürgerspital mit Glockenspiel und das Juliusspital. Außerdem gefiel uns sehr ein altes Bürger­haus: "Zum Falken“. Wieder in der Jugendherberge erfreute uns sehr das 0:1 in Saarbrücken, Außerdem kicherten wir über unsere Nachbarn, die auf die an uns gerichtete Lehrermahnung: "Wenn ihr so laut seid wie die, kriegt ihr's mit mir zu tun" merklich leiser wurden.

Das folgende Würzburger Abendleben ist in einzelnen Tagebüchern nachzulesen, Erwähnenswert ist die dreiköpfige Gruppe, die 3 Bocksbeutel im Triumpf heimführte. Mit den gehörigen Ernste ging!s ins Bett: einem fehlten die Knöpfe am Schlafanzug. Gott sei Dank, daß nebenan einige nicht mehr ganz nüchterne Mädchen, aber noch sehr jungen Alters, zu finden waren, die die Knöpfe gleich mehrmals annähten. Zum Verabschieden kamen selbige noch in die Schlafräume, wobei sich laut Augenzeugenberichten einer der unseren nur noch durch einen kühnen Sprung hinters Bett ge­rettet haben soll»

Mit dem Trost: Wir kommen noch einmal zogen die längst nachtmäßig bekleideten Besucherinnen ab; während wir zum Waschen wanderten, Inzwischen war der Lehrer fertig, was von den Mädchen beim zweiten Besuch jedoch zu spät erfaßt wurde.

Souverän rettete er die Situation: "Gute-Nacht-Küßchen gibt!s heute nicht mehr." Einen Augenblick, waren die Mädel verdutzt, dann aber wir und wohl auch der Lehrer: "Och, wir haben noch mehr zu bieten," war die Antwort.

Weg waren sie und wir krochen beruhigt ins Bett.

Wir standen fast vor dem Hahn auf. Nach dem Frühstück ging jeder seine eigenen Wege und erst auf dem Käppelle trafen wir uns wieder. Der Aufgang mit den Stationen war wohl für alle etwas noch nie Gesehenes. Die Innenausstattung der Kirche gefiel uns jedoch nicht. Fesselnder war da schon die deutsche Rechtschreibungsreform, wobei die meisten für Kleinschreibung plädieren.

Hach dem Mittagessen begaben wir uns viel zu früh auf den Bahnhof, wo wir noch lange herumlungerten. Endlich der Zug. Wir steigen ein. Die Heimfahrt war, mindestens in unserem Abteil, vergnügter als die Hinfahrt. Auf dem letzten Stück kriegten wir beinahe die Fahrräder nicht unter; aber es klappte doch noch, und so kamen alle am nächsten Tag pünktlich in die Schule - bis auf den Lehrer; ihn hatten wir wohl zu sehr angestrengt. Auf der Fahrt nach Dänemark wollen wir uns bessern.