Das Original des Fahrtberichts gibt es hier als PDF!

Die Stationen der Studienfahrt nach Tagen geordnet:

 Tag 1, 19. Juni 1964  Anreise bis Schleswig
 Tag 2, 20. Juni 1964  Fahrt nach Aarhus
 Tag 3, 21. Juni 1964  Fahrt nach Ko(o)penhagen
 Tag 4, 22. Juni 1964  Umzug nach Gladsaxe
 Tag 5, 23. Juni 1964  Stadtführung Kopenhagen
 Tag 6, 24. Juni 1964  Carlsberg-Brauerei + Seejungfrau
 Tag 7, 25. Juni 1964  Seeland-Rundfahrt
 Tag 8, 26. Juni 1964  Besuch von Malmö
 Tag 9, 27. Juni 1964  Brauerei Tuborg + Hafenbummel
 Tag 10, 28. Juni 1964  Rückreise von Kopenhagen

Tag 1, 19. Juni 1964

Obgleich nicht jeder aus unserer Klasse von Anfang an auf den Vor­schlag einer Studienfahrt nach Dänemark eingehen wollte, weil einige lieber in den Süden gefahren wären, entschlossen wir uns nach einigem Für und Wider für die Fahrt über Schleswig und Aarhus nach Kopenhagen. Da drei Klassenkameraden nicht mitfah­ren konnten, schmolz unsere Zahl auf 16 Schüler und zwei Lehrer, die wir aus mancherlei Gründen mitnehmen mußten, zusammen; doch ich hoffe, daß wir unseren Klassenlehrer, Herrn Koop, und unse­ren "Kunsterzieher", Herrn Kickermann, im Laufe der ereignis­reichen Zeit nicht allzusehr geärgert haben.

B04 Schleswig Germanendenkmal

So trafen wir uns am 19. Juni, um 6:15 Uhr am Hauptbahnhof und rollten 25 min später in Richtung Schleswig ab, die trauernden Lieben zurücklassend. Aus Wolfenbüttel übernahmen wir noch schnell Herrn Koop und einen Klassenkameraden. Damit waren wir alle zu­sammen. Wohlbehalten kamen wir, ohne etwas Besonderes erlebt zu haben, nach der Fahrt über Celle, Uelzen und Hamburg gegen 11.45 Uhr im Schleswiger Bahnhof an.

B03 Schleswig Nordmark DJH

Der anschließende Gewaltmarsch mit unserem schweren Gepäck zur ziemlich hoch über- und außer­halb der Stadt gelegenen Jugendherberge verursachte ein Stimmungs­tief, das sich in üblen Aussprüchen, die leider an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden können, äußerte. Schließlich schaff­ten wir es doch trotz Wind und Erschöpfung, den steilen Weg hinaufzukraxeln.

Im Lesezimmer der D.J.H., unserem vorläufigen Aufenthaltsraum, auch für unser Gepäck, aßen wir etwas vom letz­ten Reiseproviant. Nach einer kurzen Lagebesprechung machten wir uns für den nachmittäglichen Spaziergang durch die Stadt der alten Wikinger fertig. Einer dieser alten Nordmänner, natürlich nur ein riesiger Bronzejüngling, hatte uns schon auf die Grün­der des Städtchens hingewiesen.

Die Geschichte begann außerhalb der heutigen Stadtgrenzen. Am Haddebyer Noor, an einem Meeresarm der Ostsee, wenige Kilometer südlicher, stand die Wiege Schleswigs. Die ältesten Reste der früheren Besiedlung sind große Erdwälle, die die alten Wikinger etwa im 6. Jahrhundert zu ihrem Schutz gegen Slawen und krie­gerische Germanenstämme angelegt hatten. Als um 800 der dänische König mit seiner Flotte dort Schutz gegen die rauhe Nordsee suchte, gefiel ihm dieser Ort ausgezeichnet. Er ließ deshalb die Befestigungen des Ortes, den man damals Haithabu nannte, er­weitern. Dieser alte Vorläufer Schleswigs wurde ein wichtiger Umschlagplatz für Waren der Dänen. Später, am Anfang des 10. Jahrhunderts, war die Stadt eine Zeitlang von den Schweden be­setzt gehalten, 934 wurde Haithabu von Heinrich I erobert und von einem deutschen Markgrafen regiert. Im 11 . Jahrhundert, nachdem die Wenden den Ort wiederholt verwüstet hatten, machten sich die Einwohner daran, eine neue Stadt am Nordufer der Schlei zu errichten, dort, wo heute der Dom steht.

Inzwischen hatten wir, von dem einsetzenden Regen zur Eile an­getrieben, unser erstes Ziel, Schloß Gottorf, ein Museum für Vorgeschichte, erreicht. Es ist hier nicht genügend Platz und Zeit, um von der Fülle der ausgestellten Gegenstände zu berich­ten. Vom Feuersteindolch über ein sehr guterhaltenes Wikinger­schiff, das Nydamboot, bis zu den ausgestellten Moorleichen, die nicht gerade sehr appetitanregend waren, war vieles, vieles zu sehen. In den unteren Räumen des riesigen Gebäudes befand sich sogar eine Ausstellung moderner Gemälde, die zu hitzigen Dis­kussionen anregte.

Wir erholten uns von der Unzahl der Eindrücke auf einer Wande­rung durch die Stadt zur Schlei. Es hatte wieder aufgehört zu regnen, wir bummelten auf der Kaimauer des Jachthafens entlang in Richtung Dom.

B07 der fliegende Rocker

Dabei passierte es einem von uns, beim Ver­such den Weg abzukürzen, daß er in ein feuchtes, mit Gräben durchzogenes Gelände geriet, aus dem er sich nur durch einen kühnen Sprung retten konnte. Den Dom der Stadt erreichten wir durch einige winklige Gassen der Altstadt.

Der 112 m hohe Hauptturm wurde am Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und ist in der Mitte der 50ziger Jahre mit einer Back­steinverblendung versehen worden. Das recht einfache Hauptge­bäude (110 m lang, 40 m breit) zeigt einige Abwechslung durch die unterschiedlichen Farben der großen Backsteine, die einen Großteil der Innenwände bedecken. Sie sind für eine Kirche zu­sammen mit den anderen Teilen unterschiedlichen Alters unge­wöhnlich. Die in der Nordostecke eingebauten alten Löwen und Portale erinnern zusammen mit den eigenartig glasierten Ziegel­steinen an Bauwerke der alten Assyrer, Das schönste Stück des Doms ist jedoch der Bordesholmer Altar, geschnitzt von Hans Brüggemann aus Walsrode bei Hannover. Das Werk des Zeitgenossen Dürers und Riemenschneiders wurde im 17. Jahrhundert aus dem Augustinerkloster Bordesholm nach Schleswig überführt.

B08 Der Dom von Schleswig

Die einzelnen unbemalten Gruppen sind als Ganzes aus Eichenholz ge­schnitten. Von außen wurden noch einige Aufnahmen des Doms ge­schossen, dann machten wir uns auf den Weg durch die Stadt in Richtung Jugendherberge.

Plötzlich hörten wir das Bimmeln eines Güterzuges, der zu unser aller Erstaunen mitten auf der Straße langsam, den Autos den Weg versperrend, daherrollte. Nach diesem wirklich nicht all­täglichen Anblick schlenderten wir auf getrennten Wegen den Berg hinauf zu unserer Unterkunft, die uns schon bald mit dem Abend­brot beehrte, in Form vieler Kartoffeln, zweier hartgekochter Eier mit einer bräunlichen Mehltunke, die man mit viel Wohl­wollen auch als Senfsoße bezeichnen konnte.

Die Zeit von 19:00 Uhr verbrachten wir dann getrennt. Die meisten wohl bei einem kühlen Bier, denn schon am nächsten Abend würden wir in Aarhus auf den Genuß eines guten deutschen Bieres verzichten müssen. Nachdem wir uns alle pünktlich um 21.30 Uhr vor der Jugendherberge getroffen hatten, begaben wir uns in die Betten, ermüdet vom ersten Tag der Reise.

 

 

 


Tag 2, 20. Juni 1964

Das Aufstehen ist wieder so angesetzt, daß wir vor den anderen Gruppen den Waschraum erreichen, jedoch kommt Herr Koop diesmal nicht zum Wecken, denn alle sind schon wach, einige sogar schon aus dem Bett, als er sein "Guten Morgen" erschallen läßt.

Da denkt man nun, man sei der Schule entronnen, doch ach - es ist ja eine Studienfahrt. Wir stellten es mit Bedauern daran fest, daß wir morgens noch früher als zu Hause aufstehen mußten, dafür aber konnten wir uns schon bald nach acht Uhr auf den Weg zum Bahnhof machen. Durch die Burkhardsche Wegabkürzung war das ja ein Kinderspiel mit einem einzigen Köfferchen und dann auch nur etwa zwei Kilometer... Einige andere, darunter auch unsere beiden Aufpasser, waren gewitzt bzw. wenn man den anderen Glauben schenken darf, feige geworden. Sie nahmen Platz in einem Bus und bezahlten 40 Pfg. für den Weg zum Bahnhof - für sich!

Für den Koffer jeweils noch einmal 40 Pfg. Wie freuten sich da die Tapferen, die zu Fuß marschiert waren. Wieder ein Bier weg. Am Bahnhof angelangt, verspürten einige das Bedürfnis, ein Telefonhäuschen aufzusuchen. Fünf Jungen befanden sich schließlich in der engen Telefonzelle. Angeregt durch diesen Spaß, stellte sich unser Kläuschen auf eine Waage und, siehe da, er hatte sehr zugenommen in letzter Zeit, denn mit einiger fremder Unterstützung wog er nun bereits 307 Pfund. Später ließ ich mir erzählen, man hätte es noch auf 309 Pfund gebracht.

Da kommt der Zug; einer findet bald Anschluß bei einer Norwegerin, die anderen essen noch schnell ein Würstchen auf deutscher Seite. Für lange Zeit das letzte Würstchen, denn auf dänischer Seite heißen diese Pølser. Schon bald gehört dieses Wort zu den meistgebrauchten Wörtern. Es ist fast der Schlachtruf unserer Gruppe. Sogar als wir später wieder in Deutschland sind, heißen Würstchen nur noch Pølser.

Von der Grenze nach Dänemark ist nichts zu sehen. Auch die Landschaft ändert sich kaum. Sucht man die Unterschiede, stellt man wohl nur fest, daß hier keine klobigen Bauernhäuser mehr stehen, sondern meist Schuppen mit hellen Metalldächern.

Um 14:30 Uhr sind wir in Aarhus. Unser Lehrer gibt unsere Koffer auf, wobei er einfach deutsch zu sprechen anfängt. Man versteht ihn prompt. Erst langsam gewöhnen wir anderen uns daran, die Dänen immer sofort auf deutsch anzureden. Mehrmals hörte ich von einigen: Man kommt sich gar nicht so recht wie im Ausland vor.

B15 Aarhus De Gamle By

Mit Hilfe eines Stadtplanes schlagen wir uns zur "Gamle By" durch. Dort hält Lang einen Vortrag über die Stadt. 54 Gebäude vergegenwärtigen 400 Jahre der Entwicklung dänischer Stadtkultur!

B21 Aarhus Klaus auf Schleichwegen

Auf dem weiteren Weg durch die Stadt gabelten wir den zweiten beliebten Begriff auf. Knallerter heißen auf dänisch die Mopeds. Wir kommen am Dom vorbei und erreichen dann den Hafen von Aarhus. Zur Jugendherberge fahren wir mit der Straßenbahn hinaus. In unserem Wagen fanden wir einen sehr netten Schaffner, der uns gleich einige Worte aus Rohbocks Vokabelheft in dänisch vorlas. Natürlich lag die Jugendherberge dann einigermaßen hoch, jedoch auch weit. Das Schönste: Das Essen für uns war prompt mittags in der Stadt bestellt worden. Wir mußten also wieder hinein. Doch zuerst einmal bezogen wir unsere Zimmer, wobei Herr Koop jedoch zuerst kein Bett fand. Die Jugendherberge schien von zwei Mädchen geführt zu werden, weshalb sich auch einer Sorgen um unser Frühstück machte, denn: Hier geht's wohl erst abends um elf Uhr los, ist nicht etwa dann zu.

Dann machten wir uns zu dem Restaurant auf. In der Nähe der Jugendherberge, wie man Burkhard geschrieben hatte. In der Nähe der Jugendherberge entpuppte sich als 30 Minuten mit der Straßenbahn zu fahren. Dafür aber schmeckte es ganz gut, wenn wir auch etwas mehr fürs Geld erwartet hatten. Sollten wir uns im Wasser, das wir bekamen, die Hände waschen oder war es zum Trinken gedacht? Als die Kekse, die es zur Suppe gab, abgeholt wurden, nahm sich einer von uns noch schnell einen Keks aus dem Korb. Man sieht, wie hungrig wir waren. Hinterher trennten wir uns und sahen uns Aarhus von außen und innen an.

B13 Aarhus Innenstadt

 

B19 Anglerglueck

Der gemeinsame Eindruck aller war wohl, daß Aarhus, obwohl kleiner als Braunschweig, doch großstädtischer wirkte, schon allein der vielen Reklamen wegen. In unserer Gruppe trafen wir spät abends einige Jungen mit Beatlefrisur. Es stellte sich prompt heraus, daß es sich um Deutsche handelte! Widrige Umstände verhinderten ein pünktliches Erscheinen von Hans-Peter und Horst. Diese beiden Mädchen brachten sie am nächsten Morgen auch auf den Bahnhof.


Tag 3, 21. Juni 1964

Vor der Abfahrt; Strahlender Sonnenschein belebte die sonst so schwache Morgenstimmung, Die Klasse verließ das Quartier, das außerhalb Aarhus im Walde lag, genoß daher die frische Waldluft auf dem Wege zur Endstation der königlich dänischen Straßenbahn, besser gesagt Museumsbahn, ähnlich der Straßenbahn, die in Braunschweig immer bis Ölper fuhr.

Bahnfahrt: Nichts besonderes ereignete sich. Man schlief, döste, gähnte, rauchte Zigaretten, sah aus dem Fenster; echte dänische Kühe huschten vorbei, jawohl huschten, denn die königlich dänische Eisenbahn ist eine schnelle Eisenbahn und keine "Deutsche Eisenbahn". Dänische Landschaft, dänische Städte und Bahnhöfe und da: "Oh, wie? Ja blond, Form gut, alles an seinem Ort, lange Haare, Pullover, oh wie schön. Was? Die Farbe? Nee! Blöd was, schöön knapp, Ja, eben Däninnen!" Kurz gesagt: "Deutsche Stimmen zum Problem Dänen weiblichen Geschlechts."

Ach, beinahe hätte ich vergessen, daß die Reisenden auch das Kartenspiel pflegten. Manche besaßen Ausdauer, sie spielten, verteilten, reizten und spielten und spielten. Was sie spielten? Natürlich Skat. Aber man pokert auch.

B23 Der Festhalter

Ankunft 13:20 Uhr in Korsør, Abfahrt 13:40 Uhr. Bevor wir diesen eben genannten Ort hinter uns lassen konnten, mußten wir eine Fähre besteigen. Und schon folgte eine Seereise, kurz leider, aber angenehm? See sehr ruhig, blauer Himmel, Sonne strahlend, warm, Möwen und Wellen.

 

 

B26 Auf See

Abfahrt des Zuges von Korsør erfolgte um 13:40 Uhr, Ankunft in Kopenhagen 15:15 Uhr, Gepäckmarsch bis zur Nørrevoldgade, wo sich die Jugendherberge befand. Überraschung gelungen, Riesenschlafsaal mit 80 Betten, Schränke fehlen.

Ein Stadtbummel schließt sich an, doch vorher erfolgt eine Speisung; jeder darf, bzw. muß das Gefühl Hunger etwas dämpfen. Man trennt sich, ißt und dann trifft man sich wieder vor dem Rathaus. Die erste Stillung des Hungers war kostspielig, da wir noch nicht die Art des viel und günstigen Bestellens der Gerichte kennen, aber so wird es wohl jedem Neuankömmling ergehen.

Anschließend Bummel durch den Tivoli, der wegen dichtem Bodennebel ausfiel, d. h. es gab keine Ermäßigung für die Klasse, daher verschoben wir den Besuch auf einen späteren Zeitpunkt.

Nach Besuch des Hafens waren wir um 23:00 Uhr im Bett, müde, einschlafend; doch einige fanden sich gegen 1:00 Uhr erwachend, als die letzten uns fremden Schlafkumpanen heimkehrten, die Betten bevölkerten, doch schließlich "taten alle einen tiefen Schlaf", (s. Wallenstein).

 

B34 Thomas P Hejles

Dieser Montag war der schwärzeste Tag der Dänemarkfahrt. Grund für das drohende Scheitern der Studienfahrt war das Massenlager in der Nørrevoldgade bei Thomas P. Heiljes. Freilich mochte wohl die Tatsache, daß diese "Jugendherberge" erst gegen 1 Uhr morgens ihre Pforten schloß, auch ihre Vorteile haben (besonders natürlich für unsere Nachtschwärmer), aber wir waren ja auf einer Studienfahrt. Herr Koop war überdies festen Willens, den von langen Stadtbesichtigungen ermüdeten Schülern und sich selbst nicht den notwendigen Schlaf zu nehmen. Diesen Schlaf gab es in der Nörrevoldgade nicht, zumindest nicht für die Mehrheit. Es soll aber auch Schüler mit guten Nerven gegeben haben, die sich von den "Einuhrgrölern" nicht im mindesten stören ließen. Viele konnten aber auch aus Anhänglichkeit zu ihren Fotoapparaten kein Auge zumachen.

Übrigens: Das Thomas P Heiljes Ungdomshus existiert noch immer! Wer noch einmal nachschauen möchte: http://www.tphu.dk/om-ungdomshuset.aspx oder in Google Earth mal nach Inst. Thomas P Heiljes Ungdomshus suchen!


Tag 4, 22. Juni 1964

Am nächsten Morgen war die erste Nacht in Kopenhagen vorbei. Sie wäre auch fast die letzte gewesen. Glücklicherweise konnten wir Herrn Koop davon überzeugen, daß es besser sei, vorher erst noch zur deutschen Botschaft zu gehen. Wir zogen unterdessen mit einem schlechten Gefühl in Richtung Rathaus. Einige Pessimisten versuchten noch schnell ihre Kronen unter die Leute zu bringen. Mit abschiednehmenden Augen versuchten wir, noch möglichst viel Sehenswertes in uns aufzunehmen.

Dann kam die ERLÖSUNG (in Gestalt von Herrn Koop). Der Gang zur Botschaft brachte uns einen Schlafraum in Kopenhagens modernster Jugendherberge am Stadtrand ein. Jetzt galt es nur noch, sich möglichst geschickt und ohne Ärger dem Hausherrn in der Nørrevoldgade zu entledigen.

Um 16 Uhr holten wir schnell unsere schon am Morgen gepackten Koffer aus dem "80-Betten-Saal" und eilten auf die Straße. Herr Koop und einige Mutige verhandelten inzwischen mit dem Heimverwalter. Der verstand immer nur "Bahnhof" und ließ sich Verstärkung kommen. Schließlich einigte man sich halbwegs und wir konnten uns auf den Weg zu unserem neuen Domizil machen. Der von einigen so sehr erwartete Tumult entstand nicht.

Die neue Jugendherberge, die etwa 20 Minuten Straßenbahnfahrt vom Stadtzentrum entfernt war, war herrlich gelegen und wirklich ein besseres Quartier.

An diesem Abend war auf Vorschlag von Herrn Koop um 21:30 Uhr Bettruhe. Da dieser Vorschlag auch die Anerkennung Herrn Kickermanns fand, zerschlugen sich alle Hoffnungen auf einen ausgedehnten Stadtbummel.


Tag 5, 23. Juni 1964

Um acht Uhr werden wir aus unserem tiefen Schlaf gerissen, denn im Vandrehjem läßt es sich besser schlafen, als im Durchgangslager Thomas P. Heiljes. Inzwischen haben wir uns von dem Schrecken, daß wir abreisen sollten, erholt.

Wir gehen zum Waschen oder auch zum Duschen, Ja, hier gibt es Duschen! Das Vandrejem ist wirklich ein Geschenk der Götter, wenn man es mit dem Ungdomshus in der Nørrevoldgade vergleicht. Der Mädchenschlafsaal liegt übrigens gleich nebenan. Und der Waschraum dieser Geschöpfe hat seine Tür gleich gegenüber dem Männerwaschraum. Schlecht ergeht es dem, der die Türen verwechselt! Dann geht's frühstücken. Jeder erhält eine Morgenmads-Karte und stellt sich ans Ende der Menschenschlange, die etwas in den Magen bekommen will.

Um 9:30 Uhr treffen wir uns vor dem Schloß Christiansborg. Ein sehr redegewandter Führer will uns die freigelegten Grundmauern im Keller des Schlosses zeigen, Die Geldfrage wird vorher geregelt. Hansel zückt seinen Brustbeutel, Dieses Geschehen nimmt Herr Kickermann zum Anlaß ihn lobend als "vertrauenswürdigen Mann" zu bezeichnen, worauf sein redegewandter Gesprächspartner, unser Führer, sagte: "Der Kassenwart ist aber äußerst geschickt getarnt". Überhaupt ist unser Schloßbegleiter ein Sprachgenie, er versteht Spanisch, Französich, Deutsch, Italienisch, Englisch und sogar Russisch. Wolf-Jürgen bedauert sehr, daß er die Führung in Deutsch und nicht in Russisch durchführen will.

Dann geht‘s hinunter zum Grundgemäuer. - "Die erste Festung, deren Reste wir sehen, hatte einen Durchmesser von hundert Metern und war auf einer Insel erbaut. Wo wir jetzt stehen, würden wir bis zu den Knien im Seewasser baden". - Ein Glück, daß sich Dänemark seit dem 11.Jahrhundert um einige Meter gehoben hat.

1170 wurde die Stadt Kopenhagen gegründet, 1396 fiel der kriegerische Hansebund in die Stadt ein, schleifte die Stadt und die Festung. Mit dem Wiederaufbau wurde im Jahre 1406 begonnen. Wir gehen am "Blauen Turm" vorbei, der früher das Staatsgefängnis gewesen war. Hier schmachtete die Tochter eines Königs, Elenora Kristines. Sie war mit einem Verräter verheiratet. Ihr Ehemann verriet die Verteidigungspläne der Stadt an die Schweden, Er mußte aber fliehen, da es den Schweden trotzdem nicht gelang, die Stadt einzunehmen. Er kam bis zum Bodensee, dort wurde er ergriffen und erschossen. Die arme Gattin wurde daraufhin von Gustav X, dem Nachfolger ihres Vaters, im "Blauen Turm" eingekerkert. Einsam und verlassen starb sie dort im blühenden Alter von 22 Jahren. Nun erfahren wir, daß 1734 die Christiansborg auf der alten Festung errichtet wurde. Christian war der Erbauer des neuen, prächtigen Schlosses, das jedoch wegen Überheizung abbrannte. So entstand unter der Herrschaft Christians II das zweite Schloß Christiansborg, Den Grundstein des heutigen Schlosses legte Frederik VIII 1907. Nach neunjähriger Bauzeit wurde es vollendet.

B45 Blick auf Kopenhagen

Nun können wir an einer Wand den Abdruck einer Kinderhand bestaunen. Die Frage des Führers, wer schon einmal hier gewesen sei, konnte nur Herr Kickermann mit ja beantworten, aber das sei schon lange her. "Ah!" folgert unser Führer, "Sie sind also schon als Kind hier gewesen!!"

Nach der Führung verlassen wir das Schloß und da die anderen Abteilungen geschlossen sind, begeben wir uns zur Marmorkirche.

Um 12:00 Uhr erleben wir vor dem Wohnsitz der königlichen Familie die Wachablösung. In strömendem Regen präsentieren die Soldaten vor uns die Gewehre. Bis 14:00 Uhr haben wir Zeit ein Restaurant oder ein Kaufhaus zu suchen und zu essen. Einer ließ sich dort wie immer von der Bedienung mit den schönen Beinen streicheln. Pünktlich um 14:00 Uhr erschienen alle Schüler am Eingang des Nationalmuseums. Nur Ki. und Ko. verspäteten sich im Regen!

B50 Kopenhagen Wachablsung

Als wir uns anschicken, die berühmte ethnographische Sammlung zu beschauen, müssen wir feststellen, daß sie geschlossen ist. Nur wenige, nicht so interessante Abteilungen sind geöffnet. So teilen wir uns in Interessengruppen auf. Eine Hälfte geht ins Kunstmuseum, die andere in die noch geöffneten Abteilungen. Bei dem schlechten Wetter lohnt es sich wirklich nicht mehr, die Besichtigungen fortzusetzen; also trennen wir uns um 16:00 Uhr. Jeder darf nun tun und lassen, was er gerne möchte.

Endlich haben wir Gelegenheit, in den Film im Bristol auf der Frederiksgade zu gehen. Die beiden ersten Reihen werden von 15/16 der 13a besetzt, die sich alle unvorbereitet dort getroffen haben. Anscheinend haben alle nur darauf gewartet, diesen Film anzuschauen. Leider mußten wir dann feststellen, daß der Film gar nicht das hielt, was die Reklamebilder vor dem Kino versprachen. Auch, daß einige von uns später eine der Hauptdarstellerinnen im Cafeteria bekleidet wiedersahen, konnte unser Urteil nicht ändern. Mit der Straßenbahnlinie 2 fahren wir zurück ins Vandrejem.


Tag 6, 24. Juni 1964

Unser Programm sieht für diesen Tag zuerst eine Besichtigung der Carlsberg-Glyptothek vor. Sie wurde vom Gründer der Carlsberg -Brauereien dem Staat zum Geschenk gemacht. Wir trafen um 10:00 Uhr dort ein und gingen geschlossen hinein. Nach der Besichtigung der berühmten Sammlung klassischer Skulpturen (besonders römische) kamen wir zur Sammlung französischer Malerei des 19. Jahrhunderts. Bemerkenswert war auch die Sammlung französischer Skulpturen, die eine der größten außerhalb Frankreichs ist. Des öfteren versammelten wir uns um eine der Figuren und rätselten gemeinsam, was denn überhaupt dargestellt werden sollte. Nachdem Herr Kickermann uns noch einige seiner Gedanken zu den Kunstwerken dargelegt hatte, wurden wir zum Mittagessen entlassen. Zumeist trafen wir uns dann im Cafeteria wieder und genossen dort, von hübschen Mädchen bedient, die Mahlzeit.

B59 Die Meerjungfrau

Um 15:00 Uhr führte uns ein Spaziergang zu der Statue der kleinen Meermaid, einem der Wahrzeichen Kopenhagens, die nach dem Märchen gleichen Namens von Christian Andersen geschaffen wurde. Ungefähr um 16:00 Uhr begann der freie Nachmittag, der am Abend beim gemeinsamen Besuch des Tivoli endete. Von 19:30 Uhr bis 22:30 Uhr durften wir uns zum ersten und letzten Mal richtig "austoben“. Der Abend im Tivoli, mit seinen unzähligen Spielhallen, dem Pantomimentheater in der Tradition der Comedie d'elle Arte, seinen bunten Lichtern und den täglich überfüllten Lokalen, endete für uns leider nicht mit dem Feuerwerk, das erst um 22:15 Uhr begann, denn um pünktlich in der Jugendherberge zu erscheinen, was ja der brennendste Wunsch aller Schüler ist, mußten wir schon um 22:00 Uhr die Straßenbahn besteigen.

B44 Tivoli


Tag 7, 25. Juni 1964

Für Donnerstag, den 25. Juni 1964, den 3. letzten Tag unserer Klassenfahrt, war eine Tagesrundfahrt mit einem Bus durch Nordseeland vorgesehen, tun von der Umgebung Københavens einen Eindruck zu erhalten.

Horst und Wolf-Dieter hatten die Rundfahrt von Kopenhagen über Hillerød, Fredensborg und Helsingør und zurück nach Kopenhagen vorbereitet. Pünktlich um 8.30 Uhr erschien ein Volvokleinbus des Viking-Busunternehmens vor unserer Jugendherberge. Nachdem wir gebührend unser modernes Gefährt bewundert hatten, ging die Fahrt los.

B64 Busfahrt Seeland

Auf einer der Ausfallstraßen verließen wir Kopenhagen in Richtung Norden. Der Fahrer, ein wahrer Hüne, entpuppte sich als sehr sympathischer Mensch. Ohne daß wir ihn darum gebeten hätten, verließ er bald die Hauptstraßen und fuhr über Nebenstraßen nach allen für den Touristen interessanten Orten, wobei er in deutscher Sprache die nötigen Erklärungen gab und noch dazu Anekdoten über Dänemark und seine Bewohner erzählte. Die Dänen sollen sich nämlich doch über den Besuch Chrustchows, der ihnen eigentlich unsympathisch ist, gefreut haben. Während dieser Tage konnte man unbesorgt die auf allen Straßen geltenden Geschwindigkeitsbeschränkungen überschreiten, denn sämtliche Polizisten waren zu dieser Zeit zu Chrustchows Schutz in Kopenhagen.

B62 Seeland Bauernhuser

Bei einem landwirtschaftlichen Freilandmuseum machten wir Station und beschauten uns das noch sehr gut erhaltene 1000jährige Bauerndorf. Dann erreichten wir Hillerød und besichtigten hier Schloß Frederiksborg. Die Geschichte der Stadt reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Heute ist die Stadt mit ihren 17.000 Einwohnern ein natürliches Zentrum im Bezirk Frederiksborg. Seitdem Christian IX, der berühmteste aller dänischen Könige, regierte, ist der Name Hillerød unlösbar mit dem Schloß Frederiksborg verknüpft gewesen. Wie ein köstlicher Juwel spiegelt sich dieses wunderbare Renaissanceschloß im klaren Schloßsee und reckt seine grünen Turmspitzen und Zinnen gegen den Himmel. Am Schloß liegt der hübsche Schloßgarten mit den alten Lindenalleen und den 300jährigen Buchsbaumhecken,

B65 Frederiksborg

Umgeben von großen Rasenflächen und alten, riesigen Platanen liegt das Lustschloß Frederiks II "Badstuen" (die Badestube), wo die königliche Jagdgesellschaften heute noch ihr Frühstück einnehmen. Doch nicht nur auf Grund seiner vornehmen Architektur ist das Schloß ein lohnendes Ausflugsziel, sondern auch die unschätzbare Sammlung ausgesuchter Kunstschätze in den unzähligen Gemächern sind einen Besuch wert.

Das national-historische Museum im Schloß, das wir besichtigten, hat mit Erfolg versucht ein umfassendes Bild von Dänemarks Geschichte zu geben, durch kostbare Sammlungen von Gemälden mit historischen Motiven und Porträts von Mitgliedern des Königshauses und durch eine Sammlung von Stilmöbeln.

In Richtung Fredensborg verließen wir Hillerød. Unser freundlicher Fahrer durchfuhr dann wieder auf wenig benutzten Landstraßen Dänemarks größten Wald "Grib Skow" mit herrlichen Aussichten und heiteren Seen, bis wir Fredensborg, die Sommerresidenz des dänischen Königs erreichten.

B70 Schloss Fredensborg

Diese kleine Stadt hat ihr Gepräge in hohem Grade dem Schloß zu verdanken, das der Rahmen für so viele wichtige Begebenheiten der Dänen gewesen war. Am berühmtesten war das Schloß wohl als Christian IX, der "Schwiegervater Europas", hier die vielen ausländischen Monarchen empfing. Auch Dänemarks jetziges, beliebtes Ehepaar hält sich häufig in Eredensborg auf. Das hübsche Schloß mit dem achteckigen Hof und seinem schönen, großen Schloßpark, der öffentlich zugänglich ist, war Ziel unserer Besichtigung.

Nun war das Ziel unseres Fahrers ein modernes Restaurant an der dänischen Riviera, dem Strand des Öresunds, nördlich von Helsingør. Hier rasteten wir zu Mittag, und unserem Fahrer überreichten wir 10 Kronen aus der Fahrtenkasse für einen Imbiß. Dann setzten wir unsere Fahrt auf dem Strandweg fort, dem Meer folgend bis zum Treffpunkt von Kattegat und Öresund in Helsingør, der Stadt Hamlets.

B71 Schloss Kronborg

Helsingør ist eine große Stadt, das Tor nach Schweden. Helsingør ist in der gesamten Literatur- und Theaterwelt bekannt, da Shakespeare den Schauplatz für seine Tragödie Hamlet nach Kronsberg verlegt hatte. Frederiks II herrliches Renaissanceschloß, das heute noch unbeschädigt auf der Landspitze am Sund liegt.

Von seinen Wällen aus konnte man mit Hilfe der Feldschlangen und Kanonen diesen wichtigen Verkehrsweg überwachen. Das Schloß selbst hat den größten Rittersaal Nordeuropas mit 62 m Länge. Schloß, Wälle und Kasematten, auf denen das Schloß gebaut ist, besichtigten wir. Dort unten, tief im Keller Kronbergs sitzt schlafend der dänische Held Holger Danske. Aber, so erzählt die Sage, wenn man Gebrauch für seine Riesenkräfte und seinen Mut hat, erwacht er aufs neue.

Nach dieser Besichtigung fuhren wir auf der wunderschönen Uferstraße zurück nach Kopenhagen, wo wir um 16:30 Uhr eintrafen.


Tag 8, 26. Juni 1964

Dieser Tag begann wie jeder andere mit dem Wecken um 7:15 Uhr. Wir hatten uns vorgenommen, einen Abstecher ins benachbarte Schweden zu machen. Die Hafenstadt Malmö sollte besucht werden, die genau gegenüber Kopenhagen am Sund liegt.

B74 Kurz vor der Abfahrt

Um 10 Uhr standen wir alle abfahrtsbereit am Hafen, mit Ausnahme unseres Pädagogen Kickermann, der den Wunsch äußerte, ob des strahlenden Sonnenscheins in Kopenhagen zurückzubleiben. Dem Wunsch wurde stattgegeben, und es ging mit einem Tragflächenboot in rasender Fahrt über den Öresund. Nach 35 Minuten betraten wir schwedischen Boden, ohne daß man uns mit irgendwelchen Formalitäten belästigt hätte. Chrustchow war offensichtlich schon außer Landes.

B75 Gleitboot

Nachdem wir von der Hafengegend einen ersten Eindruck gewonnen hatten, betraten wir um 11:30 Uhr schon wieder den schwankenden Boden eines Wasserfahrzeuges, zwecks der allerseits beliebten Hafenrundfahrt. Wir durchfuhren idyllische Parkanlagen, schmutzige, graue Industrieanlagen und passierten verkehrsreiche Plätze und Straßen. Wir unterfuhren die längste, kürzeste, höchste, niedrigste, älteste, neueste, schönste und beste Brücke der Stadt Malmö. Alles dies und ähnliches mehr behauptete jedenfalls unser sprachgewaltiger Fremdenführer. Am Ende dieser brückenreichen Rundfahrt gegen 12 Uhr offerierte man uns Photos, auf denen wir uns selbst wiedererkannten oder jedenfalls so taten.

B76 Malmoe Brunnen

Dankend, aber bestimmt lehnten wohl die meisten von uns dieses, für den Verkäufer lukratives Angebot ab. Bis 13:30 Uhr wurde uns Gelegenheit gegeben, die Stadt auf eigene Paust zu erkunden. Meine Freunde und ich nutzten die Gelegenheit, uns mit einem heißen Würstchen - Pölser genannt - zu stärken. Wir machten dabei die Erfahrung, daß diese Art von Lebensmittel anscheinend in ganz Skandinavien zu einem Einheitspreis verkauft wird. Derart gestärkt machten wir uns auf den Weg, die Schönheiten der Stadt näher kennenzulernen. Einige besonders herausragende wurden sogleich auf den Film gebannt.

Nachdem wir uns Appetit geholt hatten, gingen wir daran, unseren Erkundungshunger zu stillen. Hans-Peter referierte kurz auf dem Rathausplatz im Schatten altehrwürdiger Häuser und im Anblick eines erfrischend sprudelnden Brunnens aus neuester Zeit über die in jedem Werbeprospekt nachzulesende Geschichte und Bedeutung der Stadt. Danach lenkten wir gemeinsam unsere Schritte zur St. Petri-Kirche, die mit einem herrlichen Hochaltar im Renaissancestil aufzuwarten hatte.

B79 Malmoe Rathaus

Durch verkehrsarme Nebenstraßen und gepflegte Parks gelangten wir schließlich zum Schloß Malmös, das freilich nach unserer aller Meinung eher einem Gefängnis glich als einem Schloß. Aus aktuellem politischen Anlaß beherbergte das als Museum verwendete Schloß eine Ausstellung russischer Kunst, Wir wagten den Schritt in ein antiwestliches Propagandazentrum, aber als wir begannen, die dargebotenen Werke auf unsere Weise zu interpretieren - spontan und unvorbereitet stellte sich ein nervenzermürbender Gleichschritt ein - brach die Aufsichtsperson, in Gestalt unseres Klassenlehrers, abrupt die Besichtigung ab.

Durch die glühend heiße Sonne spazierten wir zum Badestrand am Meer. Leider konnten wir nur den Anblick, nicht aber das erfrischende Naß selbst genießen. Etwas wehmütig nahmen wir Abschied von den munter plätschernden Wellen und wandten uns wieder dem Stadtkern zu. Hier durchstreiften wir die Geschäftsstraßen und verglichen die hiesigen Preise mit den heimischen.

Um 16:30 Uhr c.t. wurde zum Sammeln geblasen, und um 17 Uhr betraten wir die MS Örestad, das Schiff, welches uns wieder nach Kopenhagen bringen sollte. Nach dem schweißtreibenden Stadtrundgang in der Sonnenglut taten uns der frische Seewind und andere Erfrischungen gut. Dabei brachte es doch tatsächlich einer fertig, sich von einer Flasche Bier einen Schwips anzutrinken, der auch nach der neunzigminütigen Fahrt noch nicht verflogen war.

Gesund und sicher in Kopenhagen angekommen, erhielten wir freien Ausgang bis um 22:30 s.t. wie üblich. Alle kamen pünktlich, die Artigen, in der Jugendherberge an, so daß unseren Pädagogen Aufregungen und unnötige Strafpredigten erspart blieben.


Tag 9, 27. Juni 1964

Aufstehen und Frühstück verlaufen wie gewöhnlich. Bis 10.15 Uhr haben wir freien Ausgang, dann wollen wir uns vor der Brauerei Tuborg treffen. Pünktlich - mit 15 Minuten Verspätung - treffen auch die letzten beiden vor der Brauerei ein: "Uns ist die Straßenbahn vor der Nase weggefahren".

Leider wird unsere Gruppe von einer älteren Berliner Großschnauze vergrößert. Diese hat sich bereits durch die Carlsberg Brauerei getrunken und will sich nun noch den Rest geben, bzw. holen. Als er Herrn Kickerrnann erblickt, fragt er in seiner bescheidenen Berliner Art: "Wo habt ihr denn diesen kleenen Beatle her?"

Nach den interessanten Rundgang durch die Hallen näherten wir uns dem Höhepunkt der Besichtigung, der Kantine. Schon von fern empfing uns ein feuchtfröhlicher Singsang. Erstaunlich war der große Anteil Frauen, die den Männern in nichts nachstanden. Die Tische waren bereits so von leeren Flaschen überfüllt, daß man Glas und Aschenbecher in der Hand halten mußte. Die Bierdeckel dienten nur als Souvenir. Verständlicherweise wies Herr Koop darauf hin, daß keiner mehr als drei Flaschen Bier trinken solle. Komischerweise behaupteten hinterher einige, es auf fünf gebracht zu haben.

Gegen 12:30 Uhr fuhren wir in Richtung Langelinie bis zum S-Bahnhof Østerport. Von dort aus legten wir den Rest des Weges zu Fuß zurück. Am Ufer entlang bummelten wir bis zum Yachthafen. Dort legten wir eine kleine Erholungspause ein. Zwei Klassenkameraden wurden von der Besatzung eines Hamburger Kajütbootes zum Schweinebratenessen eingeladen. Dummerweise wurde diese günstige Ge1egenheit ausgeschlagen.

B57 Hafenrundfahrt

Kurz nach 14 Uhr bewunderten wir die wieder zum Leben erweckte Meerjungfrau, diesmal von der Landseite. Anschließend gingen wir weiter zum Freiheitsmuseum. Auch das nahmen wir noch mit. Ganz in der Nähe befindet sich ein großer Springbrunnen. Einige warfen ein Geldstück hinein, in der Hoffnung, bald wieder in diese wunderbare Stadt zu kommen. Während wir uns langsam der Innenstadt nähern, waren drei etwas vorausgelaufen und schlugen einen falschen Weg ein. Auf unsere Rufe hin kehrten zwei von ihnen zurück. Der dritte jedoch ließ sich nicht stören und winkte in seiner bekannten lässigen, weltmännischen Art leutselig zurück, Einige vermuteten, daß er wohl einen Sonnenstich abbekommen habe. (Es war wirklich außerordentlich warm).

B37 Rathausvorplatz Kopenhagen

Gegen 16 Uhr trafen wir auf dem Rathausplatz ein, wo wir auf einer Bank auch unser verlorenes Schaf wiederfanden, Was er sich denn so dabei gedacht habe? - Ja, meine Füße taten so weh! -

Bis 21 Uhr bekamen wir nun Urlaub. Ab zum Essen! Ins ABC! Brav, wie wir nun einmal sind, waren wir alle bis auf eine unlöbliche Ausnahme um 21 Uhr in der Jugendherberge. 10 Minuten später waren wir komplett. Um 22.20 Uhr gingen alle zu Bett, Punkt 23 Uhr erlosch für uns zum letzten Mal das Licht.


Tag 10, 28. Juni 1964

Kurz vor sieben Uhr brach für uns der letzte Tag in Kopenhagen an. Ein letztes Mal lassen wir uns das reichliche, gute Frühstück schmecken. Bald darauf sind die Koffer gepackt, und nun geht es mit der Straßenbahn durch die sonntäglich leeren Straßen zum Hauptbahnhof. Dort herrscht natürlich schon Hochbetrieb, die Bänke sind mit kofferumstandenen Menschen besetzt. Nicht alle tun so nutzlose Dinge wie Zeitunglesen, einer plagt sich z.B. mit Mathematik. Nun, dem kann geholfen worden. Souverän löst unser kompetenter Kopf diese Aufgabe. Dann geht es in den Italia-Express Kopenhagen-Rom, der schon auf dem Bahnsteig wartet.

Dieter hat seine Fahrkarte verloren, aber die erste Hürde, die Kontrolle an der Sperre, kann trotzdem genommen werden. Zur leichteren Überwindung weiterer Kontrollen "darf" er von nun an mit den Pädagogen in einem Abteil reisen. Viele trennen sich ungern von Kopenhagen, einer telefoniert noch, ein anderer schreibt einen Brief mit Kopenhagener Adresse, das alles sind gute Zeichen dafür, daß die durch täglichen 8 bis 9stündigen Schlaf gestärkten Oberprimaner durch Vitalität und Ausgeruhtheit überall angenehm aufgefallen sind.

Schnell ist Rødbyhaven, der dänische Hafen der Vogelfluglinie, erreicht. Der dunkle Schiffsbauch nimmt unseren Zug auf. Nun kann ein jeder seinen eigenen Interessen nachgehen; einer belichtet noch die letzten Meter seines Films, falsch, wie sich später herausstellt. Andere laufen mit glücklichen Händlermienen und ausgebeulten Taschen umher, ihnen steht die Vorfreude auf viele verbilligte "Züge" ins Gesicht geschrieben. Im Restaurant genießen andere die gute Schiffsküche. Immer wieder umkreisten sie lüstern das riesige kalte Büfett. Andere wiederum wissen, daß sie in jedem Augenblick die Bundesrepublik Deutschland repräsentieren, sie wollen nicht raffen oder schlingen, sie machen in Völkerfreundschaft.

B89 Vogelfluglinie

Die Seefahrt ist kurz. Der Zoll wird passiert. Die "Ware" wird gut über viele verteilt, und so bringen viele wenig, aber wenige viel durch die Kontrollen. Dann sitzen wir wieder im Zug, spielen Bridge, Skat, singen und bestaunen die neue Brücke über den Fehmarnsund, die, weil mathematisch richtig auch schön ist, klingt es uns in den Ohren. Zugfahrten sind langweilig, man kann nur spielen, lesen, schlafen oder auf die Gänge gehen und in die Abteile sehen, was selten interessanter ist. Ein Trost ist es nur, daß die Zeit wenigstens kriecht und nicht ganz still steht. Endlich haben wir Hannover erreicht. Einige Minuten sind noch bis zur Abfahrt des Zuges nach Braunschweig Zeit. Auf dem Bahnsteig singen und johlen einige junge Männer, wie ekelhaft und primitiv; Hannover 96 hat den Sprung in die Bundesliga geschafft, wenn die Quersumme ihres Namens ihr Tabellenplatz wird, was man ihnen nur wünschen kann, ja, dann werden wir — laut johlen.

Unser Zug nach Braunschweig ist stark besetzt, einige Fahrgäste müssen gefeuert werden und weiter hört man:"18, 20", oder "drei Kreuz, drei Karo" und auch ganz leise: "Ich gehe mit, will sehen, alles her! Roll flash".

B87 Rueckfahrt

Braunschweig kommt näher, für die einen Anlaß zur Freude, für die anderen zur Traurigkeit, denn kein Mädchen lächelt mehr, wenn wir winken. Auf den Weiden stehen keine fetten braunen Kühe, sondern schwarz-weißes Niederungsvieh. Schwarzer Rauch entquillt hohen Industrieschloten, die hier das Landschaftsbild bestimmen, das lange nicht so reizvoll ist, wie das in Dänemark, mit den wunderschönen Einfamilienhäusern und den gut gepflegten Vorgärten.

In Braunschweig angekommen, zerstreuen wir uns nach kurzem Abschied schnell. Nicht wenige gehen mit dem Vorsatz nach Hause, bald wieder nach Dänemark zu reisen, denn es hat uns sehr, sehr gut gefallen in dem grünen Nachbarland im Norden!